Gelesen. J.K. Rowling: Ein plötzlicher Todesfall.

Ich habe mich wirklich sehr auf diesen Roman gefreut, das Buch gleich nach Erscheinen (auf Englisch) gekauft und so ziemlich in einem Rutsch durchgelesen. Das bedeutet nicht, dass ich den Roman so toll fand, dass ich ihn nicht mehr weglegen konnte; es ist eher so, dass ich die Lektüre als ziemliche Quälerei empfunden habe…

Der Reihe nach: Ich bin ein großer Harry-Potter-Fan, trotzdem habe ich nicht erwartet, dass ich jetzt gewissermaßen „Harry Potter für Erwachsene“ geliefert bekomme. Ich war einfach nur gespannt, was Rowling produziert hat, weil ich sie für eine großartige Erzählerin halte, der ich absolut zutraue, „große“ Literatur zu schreiben. Die Harry-Potter-Romane sind ja viel mehr als nur Fantasy, es sind Entwicklungsromane mit wunderbar ausgestalteten und vielschichtigen Figuren, die nicht nur einseitig „böse“ oder „gut“ sind, sondern in denen beides angelegt ist, eben wie im „richtigen“ Leben. Auch der „plötzliche Todesfall“ agiert mit einer Vielzahl von Figuren, bloß eben in einer realen Welt. Und „real“ scheint für Rowling zu bedeuten, dass die Welt lieblos, grausam und brutal ist. In dem rein äußerlich idyllischen Dörfchen Pagford gibt es keine einzige funktionierende Beziehung, Eltern vernachlässigen Kinder, Kinder bzw. Jugendliche sind schon in jungen Jahren komplett desillusioniert, unglücklich und fast brutaler als die Erwachsenen, verheiratete Paare hassen und betrügen sich und unverheiratete Paare sind nicht in der Lage, auch nur für kurze Zeit respektvoll mit einander umzugehen. Der ganze Roman, quälende 512 Seiten lang, scheint uns sagen zu wollen: Seht her, der Mensch ist kaputt. Kein Hoffnungsstrahl, nirgends. Nun will ich damit nicht sagen, man möge doch bitte die Welt ausschließlich in rosaroten Farben malen, aber das ist einfach zu dick aufgetragen – trotz allem Elend in der Welt, trotz allem, was sich Menschen untereinander antun, gibt es doch auch funktionierende und glückliche Beziehungen! Aber die kommen bei Rowling überhaupt nicht vor, und das ist es, was mich an diesem Roman ärgert. Sie konzentriert sich komplett auf die düsteren Aspekte, als wolle sie sagen: Seht her, ich weiß, wie es in der Welt wirklich zugeht. Auch Harry Potter war an vielen Stellen sehr düster und grausam, aber es war doch durchzogen von der Hoffnung, dass das Gute am Ende siegt. Das muss ja in einem Erwachsenenroman nicht so sein, aber so extrem negativ muss man die Welt auch nicht zeichnen. Außerdem gab’s bei Harry Potter viel Humor. Den vermisse ich hier komplett.

Trotzdem liest sich die Geschichte spannend, man will doch wissen, wie es weiter- und ausgeht, da alle Figuren miteinander verwoben sind. Dass das ganze Drama ausschließlich vom Tod von Barry Fairbrother, dem „plötzlichen Todesfall“ getriggert wird, ist jedoch nur bedingt glaubhaft. Auch geht Rowling manches ziemlich platt an, beispielsweise die Entzugsklinik, die von den gutsituierten Bürgern Pagfords, die sich für moralisch überlegen halten, als Übel angesehen wird und deshalb geschlossen werden soll, der böse Drogendealer Obbo… Ziemlich vorhersehbar ist auch, dass die Situation am Ende eskaliert und auf eine Katastrophe hinsteuert – die erscheint dann ziemlich konstruiert.

Fazit: Unputdownable ist das Buch schon, aber Lesespaß sieht anders aus; das nächste Erwachsenenbuch von Rowling werde ich mir nicht unbesehen kaufen. Mittlerweile hat sie ja einen Krimi geschrieben. Ich warte aufs Taschenbuch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s