Film. Peter Weir: Der einzige Zeuge.

Ich gebe zu, dies ist keine brandaktuelle Filmkritik. Peter Weirs Film „Der einzige Zeuge“ stammt aus dem Jahr 1985. Ich habe ihn aber erst gestern gesehen. Und finde, dieser Film ist brandaktuell.

Der kleine Samuel Lapp wird auf einer Bahnhofstoilette zufällig Zeuge eines Mordes. Die Ermittlungen werden von dem ruppigen Polizisten John Book geführt (Harrison Ford, damals ziemlich gutaussehend). Samuel erkennt auf einem Polizistenfoto den Mörder: er kommt aus den eigenen Reihen. Nun sind Zeuge und Ermittler in Gefahr. Book wird angeschossen und schwer verletzt. Er taucht bei Samuels Familie unter. Samuel gehört zu den Amish, aus Deutschland ausgewanderte Mennoniten, die ein bäuerliches, streng religiöses Leben wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts führen. Sie verzichten auf Strom und Telefon und benutzen Pferdefuhrwerke anstelle von Autos.

Book wird von Samuels Mutter Rachel gesund gepflegt und taucht immer mehr ein in die Welt der Amish, einerseits geschockt von deren Fortschrittsfeindlichkeit, andererseits fasziniert von der Ruhe, Disziplin und Solidarität untereinander. Vor allem aber fasziniert ihn Rachel (Kelly McGillies). Ausgesprochen wird nie, was sich zwischen den beiden entwickelt. Das ist auch gar nicht nötig. Die stummen Begegnungen, die Blicke, das sagt alles und ist großartig gespielt. Book stehen die zwiespältigen Gefühle ins Gesicht geschrieben – einerseits das Begehren, andererseits die ständige Angst, Rachel könnte seinetwegen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, weil sie sich unsittlich verhält. Am Ende kommt es zu einem blutigen Showdown auf der Farm. Book überlebt und kehrt zurück in sein altes Leben.

Was diesen Film so großartig macht, sind die ruhigen Bilder aus der Amish-Community. Sie bieten Einblick in eine archaische, hierarchische und ausgesprochen solidarische Gemeinschaft. Da ist zum Beispiel die großartige Szene, wie die Amish-Männer gemeinsam innerhalb eines einzigen Tages eine Scheune für ein frisch verheiratetes Paar bauen. Durch das gemeinsame handwerkliche Tun erfährt John zum ersten Mal Anerkennung. Doch als Rachel sich einmal einen Ausbruch mit John erlaubt und zu „Don’t know much about history“ mit ihm tanzt, übrigens fast die einzige Szene im ganzen Film, wo beide befreit und glücklich wirken, wird sie sofort gemaßregelt. Es ist nicht wirklich so, dass man sich danach sehnt, in dieser Welt der Spaßbremsen zu leben. Und doch scheint sie im Vergleich zur Welt der Korruption, des Blutvergießens und des schnoddrigen Umgangs miteinander, in der sich Book bewegt, ungemein attraktiv. Als am Ende beide Welten aufeinanderprallen und Mord und Brutalität die friedliche Farm überziehen, wirkt das viel übergriffiger und schlimmer als in der „normalen“ Welt, vor allem, weil die pazifistischen Amish auf die Gewalt vollkommen hilflos reagieren. Der Film zeigt, was wir verloren haben an Unschuld, an Einfachheit, an Konzentration auf das Wesentliche. Und immer mehr verlieren in Zeiten, wo virtuelle Welten die realen ersetzen, fast niemand mehr mit den eigenen Händen arbeitet und Menschen Gespräche abrupt unterbrechen, um ihre Handys zu checken oder Telefonate zu führen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s