Der Mann, der in den Bärensee sprang und etwas rettete

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Wenn’s um meine Bärenseen geht, kenne ich kein Pardon. Ich liebe sie nämlich. Für Nicht-Stuttgarter, die Parkseen, wie sie offiziell heißen, sind unser beliebtestes Naherholungsgebiet und extrem belastet durch Fußgänger, Jogger, Angler und Radler. Ich jogge dort auch.

Es war ein sonniger, warmer Tag, wie so viele in diesem Frühjahr. Ich machte meine übliche Schleife, am See nach links, ein kleines Stückchen am Ufer entlang und dann zurück.

Am Seeufer stand ein Mann in Unterwäsche. Er stieg gerade in seine Hosen. Jetzt schlägt’s dreizehn, dachte ich, hab ich’s doch geahnt. Irgendwann fangen die Leute an, in den See zu hüpfen und meine geliebten Bärenseen zu versauen. Sie werden Liegehandtücher am Ufer ausbreiten, Grills aufstellen und Müll hinterlassen. Die Enten werden auf einer Schicht Sonnenöl schwimmen und die Schildkröten werden sich nicht mehr auf die Baumstämme trauen, um sich zu sonnen. Ich hielt an.

„Entschuldigen Sie“, sagte ich. „Das ist hier Landschafts-schutzgebiet.“
„Ich weiß“, erwiderte der Mann. Sein Ton war leise und entschuldigend. „Ich musste etwas retten.“
„Ach so“, sagte ich, schämte mich ein bisschen und joggte weiter. Nach ungefähr zwanzig Metern dachte ich: Wie blöd bist du eigentlich? Du bist Autorin. Ständig auf der Suche nach Stories und Anekdoten. Und nun hast du eine Story vor der Nase und rennst ihr davon. Das ist einfach nicht zu fassen! Mittlerweile war ich aber schon fünfzig Meter weg von dem Mann in der Unterhose, und jetzt nochmal umdrehen? Entschuldigen Sie, ich war grad schon mal hier, da warn Sie noch in der Unterhose, ich wollte noch was fragen? Also lief ich weiter, während mich innerlich die Frage zerfraß: WAS HAT DER MANN AUS DEM BÄRENSEE GERETTET? Ein Schwabe war er bestimmt nicht, sein Akzent klang vielmehr osteuropäisch. Wäre er Schwabe gewesen, wäre er vielleicht einer 1-Euro-Münze hinterhergesprungen, aber dann hätte er wahrscheinlich auch keine Zeit zum Ausziehen gehabt. Ein Kind oder ein Hund konnte es auch nicht sein; der Mann war ganz offensichtlich allein. Er hatte auch kein Handtuch bei sich, musste also wirklich spontan ins Wasser gesprungen sein. Ein bisschen ärmlich hatte er ausgesehen, nicht mehr ganz jung und nicht mehr ganz schlank, aber das half mir auch nicht weiter. Was also, fragte ich mich, kann man aus dem Bärensee retten müssen? Ein Portemonnaie? Einen Drachen? Ein Kleidungsstück? Einen Liebesbrief? Eine ertrinkende Ente? Bloß: Wie landet so etwas im See? Es war nicht gerade ein Tag mit Windstärke zwölf.

Sollte mich jemand auf dem Totenbett fragen, was ich im Leben bereut habe, dann weiß ich schon jetzt die Antwort: Den Mann in der Unterhose am Bärensee nicht gefragt zu haben, was er aus dem See gerettet hat.

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