FOMO oder JOMO?

Sie wissen nicht, ob Sie zur FOMO oder JOMO-Fraktion gehören? Da machen wir doch als Erstes einen ganz einfachen Test:

1. Montags Yoga, Dienstags Philosophische Abendrunde, Mittwochs Joggen, Donnerstags Kino, Freitags Doppelkopf, Samstags Oper und Sonntag Rosamunde Pilcher: Ich verbringe jede Minute meiner Freizeit mit sinnvollen Aktivitäten, um nicht einzurosten.
2. Es gibt für mich nichts Schöneres, als auf der Couch zu liegen und das Rosenmuster auf meiner Tapete in aller Ausführlichkeit zu studieren.
3. Ich habe ein wasserfestes Smartphone, falls mir unter der Dusche einfällt, dass ich dringend wissen muss, wie das Wetter in Ouagadougou ist.
4. Ich weiß nicht, was ein Smartphone ist, ich habe nicht einmal ein Handy, nur ein Festnetztelefon mit Wählscheibe.
5. Ich fotografiere alles, was ich esse, und stelle es auf Facebook, und folge Justin Bieber auch nachts um drei auf Twitter.
6. Soziale Medien find ich doof. Ich schreibe Briefe an einige wenige Freund/innen, klebe Blümchen drauf und trage sie liebevoll zum Briefkasten.
7. Wenn ich mir vorgenommen habe, mir einen ruhigen Abend zu machen und daheimzubleiben, werde ich total hippelig, wenn ich daran denke, was ich alles verpasse.
8. Für das letzte Konzert der Rolling Stones hätte ich eine VIP-Karte bekommen mit Backstage-Zugang und anschl. Abendessen mit Mick und Keith, aber irgendwie hatte ich keine Lust, aus dem Haus zu gehen.

Wenn Sie überwiegend die Fragen mit ungeraden Nummern mit JA beantwortet haben, sind Sie ein FOMO. Wenn die geraden Fragen mehr Ihrem Lebensgefühl entsprechen, dann ein JOMO. FOMO, das ist die Angst, etwas zu verpassen, the „Fear of Missing Out“, ein Begriff, den die Bloggerin Caterina Fake 2011 populär gemacht hat. Dem hat der New Yorker Superblogger Anil Dash, dem etwa eine halbe Million Menschen folgen (also mir folgen im Moment knapp sechzig), 2012 den Begriff JOMO entgegengesetzt: JOMO, the „Joy of Missing Out“, sprich, die Freude daran, etwas zu verpassen. In den letzten Wochen ist das Thema in verschiedenen Blogs und Kolumnen geradezu hochgekocht, Hunderte von Kommentaren beweisen, wie sehr es einen Nerv trifft.

Irgendwie ja auch kein Wunder. Die Menschheit scheint sich zunehmend aufzuspalten in zwei Gruppierungen: Die einen sind permanent online, chatten über Whats App und checken regelmäßig Facebook. Aus Angst, etwas zu verpassen? Die anderen sind zunehmend genervt und schalten im wahrsten Sinne des Wortes ab. Und verpassen vielleicht irgendwann den Anschluss? Und was ist, wenn die eine Gruppe auf die andere trifft? Wenn jemand zum gemütlichen Essen einlädt und einen FOMO erwischt, der alle paar Minuten sein Handy checkt oder telefoniert? Ich glaube, dass sich dieser Konflikt noch verschärfen wird. Es wird einen stärkeren Wunsch nach dem „missing out“ geben, nach einem technologiefreien, einfachen Leben im Einklang mit der Natur, was sich schon daran ablesen lässt, dass Wandern als Freizeitbeschäftigung boomt. Einerseits. Andererseits wird es die technologieaffine Gruppe geben, die es kaum erwarten kann, sich eine Smartwatch ans Handgelenk zu binden, die jeden Herzschlag registriert und automatisch monatlich eine Exceltabelle an die Krankenkasse mailt. Und irgendwas dazwischen wird’s auch geben.

Wobei FOMO ja nicht nur virtuelle Welten betrifft, sondern auch die Frage, ganz reell etwas zu verpassen. Vielleicht ist es in Stuttgart nicht so dramatisch wie in New York, wo man sich ganz offensichtlich von einer angesagten Party zur nächsten hangeln kann. „On any given day, in New York City, there’s an event going on that would be the best event of the year back in your hometown. And most of the time, you’re not going to be there“, schreibt Anil Dash, will heißen, in New York verpasst man jeden Abend Events, die in der eigenen Heimat das Highlight des Jahres wären. Also, mir reicht schon das Angebot in Stuttgart. Kino, Oper, Schauspiel, Ausstellungen, Theaterhaus, die ganzen Stadtteilfeste, ach und dann ist da noch die hippe Off-Kultur in den Wagenhallen oder irgendwelchen Kneipen und Clubs, da will man doch eigentlich auch mal hin? Ich brauche kein Facebook, mir reicht mein schnuckeliger Blog, aber FOMO, was Events betrifft, das kenne ich sehr gut, weil ja, ich verpasse nicht gern etwas. Wenn mir jemand von etwas berichtet, wo ich theoretisch hätte hingehen können und was toll war, bin ich neidisch.

Und trotzdem beobachte ich schleichende, seltsame Veränderungen. An einem Samstagabend nichts vorhaben, das hätte früher akute FOMO ausgelöst. Heute kann ich’s genießen. Und dann greife ich zum Telefon, rufe jemand an, von dem ich eigentlich sicher war, dass er unterwegs ist, und er/sie ist daheim… JOMO, yippie! Werde ich jetzt alt? JOMO, das hat auch mit Selbstbestimmung zu tun. Mit Nein-Sagen, ausklinken, zurückziehen, zur-Ruhe-kommen, lesen, nachdenken. Erwünscht ist das nicht, denn wer nachdenkt, ist gefährlich. Sie/er könnte beispielsweise zu dem Schluss kommen, dass das geplante Freihandelskommen TTIP eine Riesensauerei ist, um nur ein Beispiel zu nennen.

Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass Internet, soziale Medien und Smartphones sehr, sehr viel mit Ablenkung, Manipulation und Kontrolle zu tun haben. Und mit Politik. Und damit, dass unsere Wirtschaft und unser Wohlstand auf Wachstum und Konsum beruhen. Oder haben Sie schon mal einen Politiker gehört, der im Wahlkampf ausruft: „Leute, geht in den Wald! Des koscht nix! Ihr braucht nicht noch einmal ein Smartphone! Seid zufrieden, mit dem was ihr habt! Macht Spieleabende! Geht in einen Chor!“ Nein. Auch unsere Politik beruht auf FOMO. Aber das ist eine andere Geschichte.

FOMO and Social Media

http://dashes.com/anil/2012/07/jomo.html

http://www.theguardian.com/lifeandstyle/2014/oct/17/joy-of-missing-out-oliver-burkeman

P.S. Die Verfilmung des Megasellers „Gone Girl“ ist sehr ordentlich geraten, auch wenn der Film einen eiskalten Thriller daraus macht, während es im Roman mehr darum geht, wie sich zwei Menschen in einer festen Beziehung gegenseitig zerfleischen.
P.P.S. Der neue Kluftinger „Grimmbart“ ist ebenfalls sehr ordentlich geraten, auch wenn es weniger um einen Mordfall geht, als darum, wie Kluftinger damit fertig wird, dass sein Sohn Markus heiratet und die japanische Familie anrückt, was Kluft in allerlei sehr vergnüglichen Fettnäpfchen treten lässt.

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