Sieglinde schlonzt. Eine Weihnachtsgeschichte

Mit dieser Weihnachtsgeschichte, die gestern in der Weihnachtsbeilage der „Stuttgarter Zeitung“ erschienen ist, möchte ich mich bei all meinen Leserinnen und Lesern sehr herzlich bedanken und Ihnen frohe Weihnachten und alles Gute fürs neue Jahr wünschen!

„Du bist natürlich trotzdem herzlich eingeladen. Allerdings kommt mein Opa auch.“
„Danke. Ich überleg’s mir.“
Ich bin das, was man früher als „alleinstehend“ bezeichnet hat und heute „single“ nennt. An 364 Tagen im Jahr macht es mir nichts aus. An einem Tag jedoch hasse ich es. Genauer gesagt, an einem Abend: Heiligabend. Das ist dieser seltsame Abend kurz vor Jahresende, an dem ganz Deutschland beschließt, in den Schoß jener Familie zurückzukehren, mit der man den Rest des Jahres eigentlich nichts zu tun hat. Man sucht diese Familie auf, überreicht sich total persönliche Geschenke wie Ayurveda-Tees, Duftkerzen oder Badezusätze, auch wenn keine Badewanne vorhanden ist, futtert Fetthaltiges, schläft in zu kurzen Betten und ist harmonisch. Harmonisch und gemütlich und ein bisschen melancholisch. Jedenfalls ist das die Idee. Seit ich bei einer Wiederholung der Grzimek-Filme die Wanderung der Gnus in der Serengeti gesehen habe, kann ich Heiligabend besser einordnen. Man folgt dem Herdentrieb, obwohl bei der Überquerung des Flusses Krokodile lauern und nicht alle Gnus unbeschadet wieder aus dem Fluss herauskommen. Trotzdem wird man bemitleidet, wenn man single ist und noch dazu keine Herde, pardon, Familie mehr hat. So wie ich.

Dabei gab es für Mitleid überhaupt keinen Grund. Seit Jahren verbrachte ich Heiligabend mit meiner besten Freundin Jana in ihrer unrenovierten Wohnung im Stuttgarter Westen. Ihr Freund Thorsten fuhr derweil zu seiner Familie nach Marburg, kam am ersten Feiertag zurück und dann besuchten sie zusammen Janas Feuerbacher Eltern. Ein perfektes Arrangement: Jana und ich gingen nicht zur Kirche, schoben eine XXL-Pizza „Vier Jahreszeiten“ in den Ofen, hörten sehr laut Michael Jackson und tanzten zu den Youtube-Videos mit, lasen uns gegenseitig aus unseren alten Poesie-Alben vor, tranken Glühwein und aßen Gutsle. Viel Glühwein und viele Gutsle. Kein Baum und null Gedöns. Von melancholisch keine Spur. Am ersten Feiertag kurierte ich meinen Kater mit viel Kaffee im Schlafanzug vor dem Fernseher aus. Danach hatte ich Weihnachten um ein weiteres Jahr überlebt.

Aber jetzt hatten Jana und Thorsten geheiratet. Und sie hatten auch ein frisch renoviertes Haus in der Hauptmannsreute, das Thorstens Eltern finanziert hatten. Und nicht nur das, sie hatten auch ein Baby. Deshalb fuhren sie Heiligabend nicht weg, sondern die Familie kam zu Besuch. Beide Familien, genauer gesagt, die Marburger und die Stuttgarter. Thorstens Eltern hatten sich zuerst eingeladen, und da wollte Janas Mutter nicht zurückstehen. Die neue Wohnung besichtigen! Und das Baby! Und wie schön, die Gegenschwieger wiederzusehen, nach der Hochzeit! Die Familien mochten sich nicht.
„Du wirst dich etwas umstellen müssen“, sagte ich. „Kannst du überhaupt kochen?“
„Vielleicht wird’s ja ganz lustig“, erwiderte Jana düster. „Du kommst doch? Bitte.“
„Die Heilsarmee sucht Heiligabend immer Leute, die helfen“, antwortete ich.

Natürlich ließ ich Jana nicht im Stich. Weil ich mir keine Sprüche anhören wollte über Singles, die nicht backen konnten, kaufte ich beim Bäcker Hafendörfer Gutsle, klaubte sie aus der sternebeklebten Zellophan-Verpackung, tat sie in eine alte Dose und schüttelte die Dose gründlich durch, damit ein paar Ecken abbrachen und die Gutsle selbstgebackener aussahen. Am Heiligabend drückte ich kurz vor sechs auf die Türklingel der neuen Wohnung. Am Eingang flackerte eine große Kerze in einer weißen Laterne. An der Haustür hing ein Kranz aus Tannenzweigen mit einer roten Schleife darum. Damit waren Jana und Thorsten nicht allein. Die ganze Hauptmannsreute bestand aus flackernden Kerzen am Eingang und Kränzen an der Tür. Janas Mutter Rose öffnete.

„Des isch aber schee, dass du komma dusch! D’Jana schdilld grad de Bua!“ Sie zog mich erst herein, dann in ihre Arme, dann nah an ihr Ohr. „Dr Opa hot a Schlägle ghett“, raunte sie. „Net schlemm, er isch bloß a bissele durchenander. Ond Muadr vom Thorschden isch a blede Kuh, aber des hemmr scho vorher gwissd. Net persenlich nemma.“
Ich wanderte von Roses Armen in Thorstens Arme und an sein Ohr. „Herzlich willkommen, Tinchen“, flüsterte er. „Der gefährlichste Ort heute Abend ist die Schusslinie zwischen beiden Müttern. Trink Glühwein. Viel Glühwein.“ Rose verschwand in der Küche. Thorsten ging vor mir her und öffnete die Wohnzimmertür. Auf dem nigelnagelneuen weißen Sofa, das nicht von IKEA stammte, thronte Opa Walter schweigend neben Janas schweigendem Vater Klaus, im Sessel gegenüber saß Thorstens Vater und sagte nichts. Ein stattlicher Christbaum war schon angeknipst. Darunter lagen die Geschenke, gut die Hälfte davon in Babypapier eingewickelt. Drei Köpfe drehten sich synchron zur Tür.

„Ha no, des Freilein… Freilein…“, rief der Opa vergnügt und hüpfte ein bisschen auf dem Sofa auf und ab.
„Bettina“, sagte ich, „einfach nur Bettina“, und schüttelte erst dem Opa, dann Janas Vater und schließlich Thorstens Vater die Hand, wobei ich darauf achtete, dem Opa in keinem Moment den Hintern zuzudrehen.
„Isch des net a scheener Kerz!“ erklärte der Opa stolz und deutete erst auf meinen Hintern und dann auf den Baum.
„Baum“, korrigierte Janas Vater. „Baum, Opa.“
„Sag i doch!“, rief der Opa. „Ond worom gibt’s an dr Kerz koine echte Gschenkla zom Anzünda? Elektrischs Glomp! Ond friher warad meh Spätzle dra!“
„Lametta. Lametta, Opa“, korrigierte Janas Vater.
Die Küchentür ging auf. „Ach, die Freundin!“ Thorstens Mutter segelte mit ausgestreckten Armen auf mich zu, nahm meine beiden Hände und hauchte Küsse links und rechts in den Luftraum neben meinen Wangen. „Muap! Muap! Wir sagen jetzt du zueinander, wo Sie doch fast zur Familie gehören! Ich bin die Christine. Mein Mann Oswald! Ich habe schon zu Thorsten gesagt, ich finde es ja sooo nett, dass er dich einlädt! Wo du doch sonst wahrscheinlich gar nicht wüsstest, wohin mit dir! Wenn man Single ist, muss Heiligabend einfach schrecklich sein. Gleich gibt’s ein Gläschen Sekt zur Begrüßung. Aber vorher müssen wir den Kartoffelsalat fertigmachen. Rose will heiße Fleischbrühe drangießen, hat man so was schon gehört?“ Sie hastete aus dem Wohnzimmer. Kurz darauf kam aus der Küche Geschrei. „Setz dich doch“, sagte Thorsten zu mir, und rannte aus dem Wohnzimmer zur Treppe. Opa und Oswald schwiegen, Klaus räusperte sich, ich stand da und betrachtete nachdenklich den Baum. Der einzige freie Platz war auf dem Sofa links vom Opa.

„Jana“, rief Thorsten an der Treppe. „Jana, tut mir leid, aber kannst du noch mal kommen?“ Jana hastete mit offener Bluse und festgesaugtem Baby die Stufen hinunter. Thorsten pflückte das Baby von ihrer Brust. Das Baby begann zu brüllen. Jana warf mir eine Kusshand zu, schloss hastig die Knöpfe an ihrer Bluse und verschwand in der Küche. Das Geschrei hinter der Tür wurde leiser und verebbte schließlich. Das Baby brüllte weiter, während Thorsten auf dem Teppich Kreise lief und sein Kind auf- und abschwenkte. Jana kam aus der Küche, warf mir eine weitere Kusshand zu, schnappte sich das Baby und stolperte die Treppe wieder hinauf. Nach ein paar Minuten kam Thorstens Mutter mit einem Tablett mit gefüllten Sektgläsern aus der Küche marschiert. Ihr Kopf war hoch erhoben, ihr Gesicht rot, das Haar zerzaust.
„Willst du dich nicht setzen?“, fragte sie mich und deutete mit dem Kinn auf den freien Platz neben dem Opa. Der Opa klopfte erwartungsvoll mit der Hand auf das Polster.
„Danke. Ich… ich bin den ganzen Tag gesessen. Weihnachtspost. Ich war etwas spät dran mit meiner Weihnachtspost.“
„Ach ja, die Singles!“, seufzte Christine, wartete, bis ich mir ein Glas Sekt genommen hatte, und ging dann weiter zum Opa. Der Opa griff mit leuchtenden Augen nach einem Glas.
„Der Opa darf nicht“, sagte Janas Vater bestimmt. „Wegen der Medikamente.“ Christine zog das Tablett blitzschnell wieder weg und der Opa griff ins Leere.
„Dr Doktor hot gsagt, i derf älles essa on drenka, was mr schmeckt!“, protestierte er. „Au Läbrwurschdbrot!“
„Sekt“, korrigierte Janas Vater. „Das ist Sekt, Opa.“
„Prösterchen!“, rief Christine. „Fröhliche Weihnachten!“ Wir stießen an. Der Opa hatte die Arme vor der Brust verschränkt, schmollte und murmelte etwas davon, dass man ihm ja wohl wenigstens zu seinem Geburtstag ein Gläsle gönnen konnte, Schlägle hin oder her. Jana kam mit zugeknöpfter Bluse und Baby auf dem Arm ins Wohnzimmer. Das Baby trug einen allerliebsten himmelblauen Strampler und gurrte. Jana trug eine Perlenkette, die ich noch nie gesehen hatte. Sie legte den freien Arm um mich und zog mich an ihr Ohr. „Sekt“, flüsterte sie. „Ich rate dir zu ganz viel Sekt. Ich darf ja leider nicht.“
„Ist die Perlenkette nicht hübsch?“, rief Christine. „Vorgezogenes Weihnachtsgeschenk! Passt so gut zum neuen Haus!“
„Sehr hübsch“, murmelte ich. Die Küchentür wurde aufgerissen.
„Die Saida send siedich hoiß!“, brüllte Rose. „Älles dapfer an de Disch nohocka!“ Die Küchentür wurde wieder zugeknallt.
„Saida?“, fragte Oswald. „Dapfer?“
„Frankfurter, Papa“, erklärte Thorsten. „Die nennt man hier Saitenwürstchen.“
„Ach, dieser niedliche Dialekt!“, rief Christine. „Wir reden ja nur rein-stes Hochdeutsch. Vielleicht kann ich Rose doch noch überreden, Dörrfleisch an den Kartoffelsalat zu machen!“ Sie stellte ihr Sektglas ab und eilte Richtung Küche. Jana drückte Thorsten das Baby auf den Arm und eilte hinterher. Die Stimmen in der Küche wurden lauter. Die schwäbischen Flüche verstand ich, die hessischen nicht.

Wir wechselten ins Esszimmer und setzten uns an den Tisch. Thorsten zündete den riesigen Adventskranz an, der über dem Tisch schwebte. Janas Mutter stürzte mit einer großen Schüssel Kartoffelsalat aus der Küche, Thorstens Mutter folgte langsamer mit den Saiten, Jana folgte mit dem Baby und setzte sich schnell neben mich. Rose verteilte Kartoffelsalat. Der Kartoffelsalat machte schmatzende Geräusche.
„Sieglinde schlonzt“, nickte Rose zufrieden. „So muss sei.“ Sie ließ das Salatbesteck sinken, drehte sich zu Christine, machte eine dramatische Pause und holte dann tief Luft. „Echt. Schwäbischer. Kardoffelsalat!“
Christine drehte sich zu ihrem Mann. „Du magst doch den Kartoffelsalat mit Dörrfleisch so gern, Oswald. Aber das kennt man hier nicht. Man ist auch nicht so wirklich offen für Neues“, sagte sie halblaut.
„Mit Dörrfleisch kanns net schlonza“, erwiderte Rose. „Wo isch eigentlich dr Opa?“
„Den müssen wir auf dem Sofa vergessen haben“, sagte Klaus. „Ich geh ihn holen.“

Der Opa stolperte vor seinem Sohn her. Er guckte glasig. „Sauguad, des Läbrwurschbrot“, nickte er zufrieden und stellte sich neben meinen Stuhl.
„Opa hat den ganzen Sekt ausgetrunken“, jammerte Klaus. „Alle Gläser und die Flasche. Dabei darf er doch nicht.“
„Lass en doch“, sagte Rose. „Liebr glicklich schderba als traurig läba.“
„I däd gern näba dem netta Mädle hocka“, sagte Opa und legte mir den Arm um die Schultern. „Jana, hock di woanders no.“
„Du setzt dich jetzt sofort auf deinen Platz, Opa!“, befahl Klaus. Der Opa trollte sich, ließ sich von Rose den Teller vollladen und begann laut schmatzend zu essen. Christine blickte strahlend über den Tisch, dann legte sie Jana die Hand auf den Arm.
„Ist das nicht schön, wenn man die ganze Familie um sich hat, Jana? Ihr zwei müsst euch ja früher schrecklich gelangweilt haben, wenn Thorsten in Marburg war! Aber damit ist es ja nun zum Glück für alle Zeiten vorbei. Wir kommen jetzt jedes Jahr!“
„Zum Glück“, murmelte Jana und blickte mich von der Seite an, die Augen vor Schreck geweitet. Der Opa wischte sich den Mund ab.
„So, jetzt kennd Jana ihr Oschdersprüchle uffsaga“, meinte er.
„Weihnachten, Walter“, korrigierte Klaus. „Es ist Weihnachten, nicht Ostern. Und Jana ist zu alt, um Weihnachtsgedichte aufzusagen. Sie ist jetzt verheiratet und hat ein Baby.“
„Verheiratet?“, rief der Opa geschockt. „Ja, mit wem au? Hoffentlich ischs a Schwob!“
Christine klatschte in die Hände. „Höchste Zeit für die Bescherung!“, verkündete sie. „Den Tisch räumen wir später ab. Das Baby zuerst!“

Sie sprang auf, wobei ihr Stuhl nach hinten zu Boden krachte, und lief los. Rose klebte ihr an den Fersen. Als wir im Wohnzimmer ankamen, rafften beide Mütter gerade unter Einsatz ihrer Ellenbogen Berge von Geschenken in Babypapier an sich. Der Baum schwankte gefährlich, ein paar Glaskugeln stürzten ab und gingen zu Bruch. Christine und Rose rannten um die Wette zurück Richtung Jana. Jana blieb einen Moment verwirrt stehen und ließ sich dann mit dem Baby aufs Sofa sinken. Christine donnerte die Päckchen auf ihre linke und Rose auf ihre rechte Sofaseite.
„Immer schön abwechselnd!“, brüllte Christine. Dann überreichte sie mir ein schmales Päckchen.
„Für einen schönen Abend allein“, sagte sie zuckersüß.
„Ein Badezusatz“, antwortete ich matt. „Das ist aber nett, vielen Dank.“ Ich hatte keine Badewanne.

Ein paar Stunden später setzte sich Christine neben mich.
„Ich hab deinen Namen vergessen und ich weiß, es steht mir nicht zu“, flüsterte sie. „Aber manchmal ist so ein guter Rat, wenn er von Herzen kommt, vielleicht kein Fehler, vor allem zum Jahresende hin, wenn man vielleicht doch einmal über sein Leben nachdenkt. Und gute Freunde tun sich ja manchmal schwer, einem die Wahrheit zu sagen.“
„Ja?“, fragte ich. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren und den Glühweinbecher gerade zu halten.
Sie machte mit dem Arm eine ausschweifende Bewegung. Die Bewegung schloss alles ein: den riesigen Berg an zerrupftem Einwickelpapier, die überall verstreut liegenden Babysöckchen, Strampler, Mützchen und Hemdchen, den handtellergroßen roten Fleck auf dem weißen Sofa, den mit offenem Mund schnarchenden Opa, dem ein Sabberfaden aus dem Mund lief, den stumm ein Gutsle nach dem anderen in seinen Mund schiebenden Oswald, an dessen Schulter der vom Glühwein sturzbetrunkene Klaus lehnte, und die völlig erschöpft auf dem Teppich schlummernden Eltern mit Baby. Janas Mutter lag schnarchend unter dem Christbaum, der dem schiefen Turm von Pisa nicht unähnlich sah.
„Ihr Single-Frauen denkt ja oft nur an eure Karriere“, flüsterte Christine. „Gründe eine Familie, bevor es zu spät ist, und du all dies“ – sie wischte sich eine Träne der Rührung weg – „versäumt hast.“

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