Kino statt Karneval. Film: The Imitation Game und Wild

Zwei Filme, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, beide nicht brilliant, aber durchaus sehr sehenswert, und wahrscheinlich nicht mehr allzu lange in den Kinos: The Imitation Game mit „Sherlock“ Benedict Cumberbatch und Wild mit Reese Witherspoon, die ihren letzten sehr überzeugenden Auftritt als June Carter in der Johnny-Cash-Biographie Walk the line hatte und zurzeit in jedem zweiten amerikanischen Film auftaucht, was nicht unbedingt nachteilig ist.

In Wild hat sie eine extrem dominante Rolle, weil dieser Film zu großen Teilen aus ihr besteht – und der fantastischen Kulisse des amerikanischen Westens. Der Film basiert auf der gleichnamigen, autobiografischen Story von Cheryl Strayed, die sich aufmachte, ganz allein den PCT zu wandern, den Pacific Crest Trail, schlappe 4240 Kilometer (!) von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze, von denen Cheryl sich drei Monate lang gut 1600 Kilometer erwandert. Nun ist dies kein Wanderfilm geworden, wohl aber ein Weg zu sich selbst. Cheryl wandert, weil sie mit 26 einen gewalttätigen Vater, eine kaputte Ehe, ungewollte Schwangerschaft, harte Drogen und harten Sex hinter sich hat. Vor allem aber den plötzlichen, schnellen Krebstod der über alles geliebten Mutter, deren optimistische Lebenseinstellung Cheryl nicht davor bewahren konnte, sich so erfolgreich wie möglich selber zu zerstören. All dies wird in schnellen, unzusammenhängenden Rückblenden erzählt, die erst im Laufe des Films einen Sinn ergeben und im Kontrast stehen zu den ruhigen Naturaufnahmen – wobei die Wanderung wenig idyllisch mit Cheryls blutigen Zehen und dem Verlust ihrer Wanderschuhe beginnt. Cheryl hat nämlich keine Ahnung vom Wandern. In einer sehr lustigen Szene am Anfang versucht sie, ihren Monsterrucksack mit tausend unnötigen Dingen auf ihre schmalen Schultern zu stemmen, was wohl jeden schaudern lässt, der mal ein paar Tage am Stück gewandert ist…

Dieser Film hätte ausgesprochen kitschig und „girlie“ werden können, und tatsächlich waren auch mindestens 85 Prozent der Leute im Kino Frauen. Aber Regisseur Jean-Marc Vallée, der auch das fabelhafte 80er-Jahre Aids-Drama „Dallas Buyers Club“ gedreht hat, und Drehbuchautor Nick Hornby bewahren den Film davor, dass er wie die Wanderstiefel abstürzt. Man spürt Cheryls körperliche Schmerzen fast am eigenen Leib, man genießt mit ihr die grandiose Natur und leidet mit ihr bei ihrem Versuch, ihrem chaotischen Leben Struktur zu geben. Trotzdem wird sie aus meiner Sicht etwas zu schnell zum Wanderprofi und die Rückblicke sind zu kurz, um sich hundertprozentig in Cheryls Geschichte einzufühlen. Nach dem Film wollte ich vor allem eins: Rucksack schnüren und los!

The Imitation Game erzählt ein zumindest bei uns weitgehend unbekanntes Kapitel aus dem 2. Weltkrieg. Dem genialen Mathematiker Alan Turing gelingt es, die Enigma zu entschlüsseln, jene Maschine, die die Funksprüche des deutschen Militärs kodierte. Es wird behauptet, dass Turings Erfolg den 2. Weltkrieg um bis zu zwei Jahre verkürzte, und wer hat je von ihm gehört? Erzählt wird das so spannend wie ein Thriller. Dass Turing autistisch und kein bisschen teamfähig war, ist historisch nicht belegt, macht den Film aber noch einmal interessanter, genauso wie die (ebenfalls erfundene) Liebesgeschichte zu Joan Clarke (Keira Knightley). Da man aber beiden Schauspielern gern zuschaut, tut das dem Film keinen Abbruch. Historisch wahr und äußerst tragisch ist jedoch, dass Turing niemals Anerkennung für seine Arbeit bekam – im Gegenteil. Da er homosexuell war, damals illegal, wurde er nach dem Krieg 1952 vors Gericht gestellt und verurteilt. Turing hatte die grausame Wahl zwischen Gefängnis und Hormontherapie und entschied sich für die Therapie. Daran zerbrach er, und ein Jahr später beging er Selbstmord. Die Queen hat ihn zwar im Jahr 2013 rehabilitiert, aber davon hatte er posthum auch nicht mehr viel. Benedict Cumberbatch und Tausende von Briten appellierten in einem offenen Brief an die Royal Family, die unzähligen Homosexuellen zu rehabilitieren, die ein ähnliches Schicksal erlitten – ohne Erfolg.

http://de.wikipedia.org/wiki/Alan_Turing
Wild – Der große Trip liegt als Taschenbuch bei Goldmann vor.

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