Gelesen. Graeme Simsion: Der Rosie-Effekt. Robert Seethaler: Der Trafikant

Vor längerer Zeit haben wir hier im Blog „Das Rosie-Projekt“ vorgestellt, den Überraschungs-Bestseller aus Australien. Jetzt ist der Genetiker Don Tillmann zurück. Romantische Geschichten mit glücklichem Ausgang in Folgebänden weiterzuerzählen, das ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko (gell, Frau Kabatek).

Um es aber gleich zu sagen: Auch wenn der „Rosie-Effekt“ nicht ganz so herrlich durchgeknallt ist wie sein Vorgänger, handelt es sich doch immer noch um ein sehr, sehr lustiges Buch. Don Tillmann hat das Asperger Syndrom, was jedem, der mit ihm zu tun hat, klar ist, nur ihm selbst nicht. Er tut sich also schwer mit Gefühlen jeglicher Art und plant seinen Tagesablauf minutengenau, damit er nur ja nicht aus dem Tritt kommt. Trotz dieser Einschränkung ist es ihm gelungen, die bezaubernde Rosie zu erobern. Die ist das genaue Gegenteil von ihm: Chaotisch, desorganisiert, spontan und emotional. Das Paar lebt jetzt nicht mehr in Australien, sondern in New York, wo Don an der Uni arbeitet, und Rosie ihren Doktor macht.

Alles könnte wunderbar sein, hätte Rosie nur nicht die Pille abgesetzt, ohne Don Bescheid zu geben. Don ist erst geschockt, dann erarbeitet er sich das werdende Vater-Sein als wissenschaftliches Projekt, ohne im Mindesten zu kapieren, dass Rosie eigentlich nur eines von ihm will: liebevolle Zuwendung und Unterstützung. Da Don aber eine Menge kann, bloß keine Empathie, geht schief, was nur schiefgehen kann. Zudem hat er noch eine ziemlich chaotische Männergruppe aufgemacht, die neben ihm aus seinem australischen Kumpel Gene, dem ehemaligen Rockstar George und dem gescheiterten Geschäftsmann Dave besteht. Die haben alle so ihre eigenen Probleme mit dem Leben und der Liebe, und weil Don ihnen tatkräftig unter die Arme greift, merkt er gar nicht, dass Rosie ihm mehr und mehr entgleitet. Das hat manchmal (vor allem zum Schluss hin, und das war auch beim Rosie-Projekt so) ziemliche Längen, und auch das Thema Schwangerschaft wird ein bisschen arg strapaziert. Trotzdem macht die Geschichte viel Spaß: Don wird verhaftet, bringt Kälber auf die Welt, täuscht falsche Ehefrauen vor, alles nur wegen Rosie, bloß leider kriegt die davon überhaupt nichts mit. Die Beziehung der beiden ist eine Aneinanderreihung ziemlich komischer Missverständnisse (klar, sonst gäb’s ja auch nix zu erzählen).

Beim Lesen möchte man Don packen und schütteln, weil er ständig ins Fettnäpfchen tappt. Aber um ins Fettnäpfchen zu tappen, muss man ja auch kein Autist sein – auch den anderen Paaren im Roman ergeht es nicht viel besser in ihren Beziehungen. Und so ist dies letztlich eine Geschichte über die Schwierigkeit, die Liebe in allen Widrigkeiten unseres modernen Lebens als Liebe zu bewahren, und damit sind wir irgendwie alle ein bisschen Don Tillmann…

Das komplette Kontrastprogramm dazu bietet Robert Seethalers „Der Trafikant“. Der junge Franz muss 1937 aus Geldnöten die Mutter und die Heimat am Attersee verlassen und geht nach Wien, um dem Trafikanten Otto Trsnjek unter die Arme zu greifen. Franz lernt nicht nur das Zeitungslesen (eine Trafik ist ein Zeitungs- und Zigarrenlädchen), er begegnet auch der Liebe in Form des drallen böhmischen Mädchens Anezka, und weil er mit der so gar nicht klarkommt, sucht er die Unterstützung von Sigmund Freud. Allein, mit so ganz praktischem Liebeskummer kennt der sich leider auch nicht so richtig aus. Dann aber wird Franz gegen seinen Willen von den politischen Ereignissen mitgerissen, mit Folgen, die sich als weitaus größer und dramatischer erweisen als sein privates Liebesdrama.

Robert Seethaler, der nach dem „Trafikanten“ mit „Ein ganzes Leben“ seinen großen literarischen Durchbruch erlebte, schreibt extrem lyrisch, sein Stil erinnert an eine Novelle der Romantik, und man muss sich erst ein wenig darauf einlassen, ein bisschen hineinfinden in diese altmodische Prosa. Wie Franz, die simple Seele, einerseits wie im klassischen Entwicklungsroman so seine Erfahrungen macht, sich selbst aber und seinen einfachen Prinzipien bis zum wahrlich bitteren Ende treu bleibt, das ist sehr, sehr ergreifend geschrieben.

Graeme Simsion: Der Rosie-Effekt, erschienen im Krüger Verlag, englisch bei Penguin
Robert Seethaler, Der Trafikant, Kein & Aber Pocket

2 Kommentare

  1. HALLO Elisabeth, ich habe beide Buecher von Robert Seethaler gelesen und mir haben beide sehr gut gefallen.Im Buch der Trafikant werden die pilitische Situation und der aufkommende Faschismus Sehr gut beschrieben! Für mich ist der Roman der Trafikant mehr als ein Entwicklungsroman, das Zusammentreffen mit Freud zeigt ja sehr gelungen die neuen Ideen, die ja dann mi dem aufkommenden Faschismus ja auch erst mal wieder hinweggefegt wurden
    Also auf jeden Fall zwei sehr empfehlenswerte Buecher!

  2. Hallo Elisabeth, das Rosie Projekt war einer meiner Top 10 Bücher des vergangenen Jahres. Der Rosie Effekt war toll, kam aber nicht ganz an das erste Buch heran. Ich musste beim Lesen immer an Sheldon Cooper aus The big bang theory, so viel zum Fernsehgenuss, denken.
    Liebe Grüße,
    vom Seestern (die Lesung hat mir außerordentlich gut gefallen!)

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