Von Zugklos, Milliardären und Hoffnungen

Vor kurzem ging ich auf eine englische Zugtoilette. Es war eine Toilette, deren Tür man von innen per Knopfdruck verschließen musste. „Toilet closed“, erklärte eine Stimme daraufhin aus dem Off. Erstaunlicherweise sprach die Stimme weiter. „Please don’t flush nappies, sanitary towels, paper towels, gum, old phones, unpaid bills, junk mail, your ex’s sweater, hopes, dreams or goldfish down this toilet.“ Der Benutzer wurde also darum gebeten, weder Babywindeln, noch Damenbinden, Papierhandtücher, Kaugummis, alte Telefone, unbezahlte Rechnungen, Junk Mails, den Pulli des Exfreundes, Hoffnungen, Träume oder Goldfische die Zugtoilette hinunterzuspülen.

Beim ersten Mal hörte ich nicht richtig zu. Erst als es irgendwie um Hoffnungen und Goldfische ging, dachte ich mir, was ist denn das für eine seltsame Durchsage? Weil ich sie noch einmal hören wollte, machte ich die Klotüre wieder auf und wieder zu. Beim zweiten Mal kapierte ich schon mehr, beim dritten Mal hatte ich so viel verstanden, dass ich anfangen konnte, den Spruch aufzuschreiben, und beim vierten Mal hatte ich den Spruch lückenlos dokumentiert und konnte das Klo wieder verlassen (leider hatte ich nicht bemerkt, dass sich mittlerweile eine beeindruckende Schlange vor dem Klo gebildet hatte).

Offensichtlich hatte es soviel Ärger mit verstopften Zugklos gegeben, dass Virgin Trains beschlossen hatte, das Problem mit Humor anzugehen. Virgin gehört übrigens dem Milliardär und Abenteurer Sir Richard Branson, der durch seine waghalsigen Atlantiküberfahrten mit dem Heißluftballon berühmt wurde. Ich stelle mir vor, wie einer seiner Mitarbeiter zwischen zwei Ballonfahrten zu seinem Chef sagte, „Rich, old chap, we’ve really got to do something about these blocked toilets“, Rich, alter Junge, wir müssen jetzt wirklich was wegen dieser verstopften Klos unternehmen, und Rich klopft ihm auf die Schulter und antwortet, „Dann denk dir mal was Lustiges aus, Kumpel.“

Die Deutsche Bahn dagegen denkt sich schon lange nichts Lustiges mehr aus. Sie hat unsere Hoffnungen schon längst die Zugtoilette hinuntergespült. Wir regen uns auf über die endlosen Zugstreiks. Die sind ausgesprochen nervig, keine Frage. Darüber, dass wir ständig unsere Anschlüsse verpassen, dass die S-Bahnen in der Region Stuttgart chronisch unpünktlich sind, dass es in den Zügen immer entweder zu heiß oder zu kalt ist, dass die Zugklos in Regionalzügen praktisch unbenutzbar sind, darüber regen wir uns schon gar nicht mehr auf, weil wir uns schon längst daran gewöhnt haben. Als ich auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse meinen Anschluss verpasste, weil der ICE in Mannheim mit einer halben Stunde Verspätung eintrudelte, was für mich insgesamt zwei Stunden Verspätung bedeutete, gab es nicht einmal eine Durchsage mit einer Entschuldigung und Begründung. Als ich den Zugbegleiter darauf aufmerksam machte, zuckte er mit den Schultern und sagte lakonisch, „Wir entschuldigen uns nicht mehr, weil uns sowieso keiner mehr glaubt, und ich habe nicht die geringste Ahnung, warum wir Verspätung haben.“

Das ist der eigentliche Skandal, und nicht die Streiks. Der Tarifkonflikt zwischen GDL und Bahn wird irgendwann der Vergangenheit angehören. Die Probleme bei der Bahn nicht.

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