Hand gegen Koje: endlich da. Hat auch nur zwei Tage gedauert

„Läuft doch!“
„Alles prima!“
Die Zugbegleiter auf dem Gleis im Bahnhof Husum grinsen und lachen sich an. Erleichtert. Als hätte es nie so etwas wie einen Bahnstreik gegeben. Ja, jetzt läuft es wieder. Ab Hamburg ist der IC pünktlich gefahren. Obwohl die Fahrt mit dem Fernbus, wenn auch unfreiwillig, eine ganz eigene Erfahrung ist. Sehr junges Publikum, sehr entspannt. Und ich hatte ganz vergessen, wie ungeheuer kommunikativ Alleinreisen ist.

Da war die Berufsmusikerin mit Bratsche im Gepäck auf dem Weg zum Konzert nach Aschaffenburg (Fernbus Stuttgart – Würzburg). Die Studentin der Biogeografie, die sich nach jedem Stopp mit innigem Kuss von ihrem Freund verabschiedete, der eine Reihe hinter ihr saß (Fernbus Würzburg – Hannover). Die Konstanzerin beim Frühstück im Hotel, die mir das gut versteckte Rührei zeigt und mit zweitem Namen Elisabeth heißt. Die Rentnerin aus Berlin auf dem Weg nach Sylt, mit Freunden in Schorndorf, die den Wein aus dem Remstal lobt (Zug Hamburg – Husum). Der Mann neben mir im Bahnhofscafé in Husum, der auf meinen Koffer aufpasst und zu Mittag einen Leberkäse zum Bier verspeist, und anschließend eine komplette Glasschüssel voller roher Zwiebeln. Das junge Mädchen mit dem Doppelpiercing in der Lippe, dem ich die Taschen halte, während es sein komplettes Münzgeld aufsammelt, das auf den Busboden gefallen ist (Bus Husum – Nordstrand).

Auf der Fähre von Nordstrand nach Hallig Hooge sitze ich oben auf Deck. Das geht nur mit zwei himmelblauen Fleecedecken, die die Adlerfähren freundlicherweise zur Verfügung stellen. Es ist kalt. Arschkalt. Oder eher kopfkalt. Strategischer Fehler, keine Wollmütze dabei zu haben, aber wer denkt schon an Wollmützen, im Mai?

Trotz der Kälte haben die Leute um mich herum, die sich gerade noch gestresst am Anleger gedrängelt haben, plötzlich ein Lächeln im Gesicht, ein entspanntes Lächeln, das sie fröhlich in die steife Brise halten. Urlaubslächeln. Entschleunigungslächeln. Wir fahren an der Hallig Nordstrandischmoor vorbei. Vier Häuser, die aussehen, als ob sie auf dem Wasser schweben. Eine Hallig, eben. Und dann, eine Weile später, Hallig Hooge, viel größer als erwartet, und eine herzliche Begrüßung von Thorsten, dem Hafenmeister, der keinen Vollbart hat, und Babett, die schon seit dreieinhalb Wochen auf Hallig Hooge im Projekt „Hand gegen Koje“ arbeitet, und Hansi, der die Pferdekutschen unter Kontrolle hat, und dann fahren wir mit einem etwas wackligen Dienstauto in die City, wie Babett es so schön nennt. Die City, das ist die Hanswarft. Dort liegt das Gemeindezentrum und auch unsere Dreier-WG. Babette, Thies und ich, und die beiden haben schon ein gemeinsames Spaghetti-Essen für den ersten Abend eingeplant, sodass ich mich gleich willkommen fühle.

„Was ist der Unterschied zwischen einer Hallig und einer Insel?“, frage ich Babett.
„Kein Süßwasser. Kein Deich.“

Und morgen früh geht’s los.

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Blick auf Amrum (gaaanz weit hinten der Leuchtturm)

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