Nix wie hin: „I got rhythm“ im Kunstmuseum Stuttgart

Seit 10. Oktober läuft die Ausstellung „I got rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“ im Kunstmuseum in Stuttgart. Lange genug hätte man Zeit gehabt, und jetzt knubbelt sich’s vor dem Ausstellungsende am 6. März. Trotzdem: Wer’s noch nicht gesehen hat und auch nur das klitzekleinste Interesse an Jazz verspürt, sollte unbedingt noch die Chance nutzen!

Mit der Ausstellung feiert das Kunstmuseum sein – kaum zu fassen – zehnjähriges Bestehen. Warum ausgerechnet mit einer Ausstellung zum Jazz? Zum einen deshalb, weil der Begriff „Jazz“ vor gut hundert Jahren zum ersten Mal als Begriff verwendet wurde, zum anderen, weil das Großstadt-Triptychon von Otto Dix, das ja schließlich einen verruchten Jazzkeller zeigt, eines der zentralen Werke des Kunstmuseums ist. Wegen des großen Zuspruchs wartet das Kunstmuseum kurz vor Schluss mit verlängerten Öffnungszeiten auf, am 4. und 5. März gar bis 24 Uhr. Das ist doch mal eine Alternative zum Ausgehen am Wochenende! Der Hauptengpass entsteht nämlich nicht wegen der großen Zahl der Besucher, sondern wegen der Audioguides, die im Eintrittspreis enthalten sind. Um einen solchen zu kriegen, muss man anstehen, gestern, am Sonntag Nachmittag, gut eine dreiviertel Stunde lang, unter der Woche geht’s sicher schneller. Ist auch nicht schlimm, man kann ja Leute kucken oder schwätzen. Ohne Audioguide macht die Ausstellung nämlich keinen Sinn, da viele der Bilder von Hörstationen begleitet werden. Das bedeutet, ein Kunstwerk wird gleich auf dreierlei Weise vorgestellt: Zunächst der Künstler und das Werk, dann ein/e Musiker/in und dann, Hördatei Nummer drei, das Musikstück. Wenn man sich alles anhören will – und es fällt schwer, irgendetwas wegzulassen – ist man locker zwei, drei Stunden beschäftigt. Aber man kann ja zwischendurch Päuschen machen im Café.

Selten habe ich eine Ausstellung erlebt, wo die Atmosphäre so entspannt ist. Schließlich stehen die meisten Besucher vor sich hinwippend oder -zuckend vor den Bildern und sind in die Musik versunken. Eine Tochter findet ihren Vater megapeinlich, der fängt nämlich gar an zu tanzen – nicht unbedingt der Regelfall im Museum. Die Kommunikation untereinander ist zugegebenermaßen erschwert, weil man sich ja gegenseitig nicht beim Musikhören unterbrechen will. Der Audioguide führt aber auch dazu, dass es gar nicht schlimm ist, wenn es voll ist in der Ausstellung, weil man sich mit dem Kopfhörer aus der Umgebung ausklinkt.

Spannend ist es, zu sehen, wie die Künste miteinander zusammenhängen, sich gegenseitig inspirieren und befruchten. Manchmal eins zu eins, zum Beispiel Max Beckmanns „Begin the Beguine“ und das gleichnamige Stück von Cole Porter. Unzählige Darstellungen von Josephine Baker, dazu Video und Song. Interessant auch, wie die Nazis den Jazz für ihre Zwecke missbrauchten und den „St. Louis Blues“ propagandistisch umdichteten. Die bildenden Künstler stellen nicht nur Musiker und Jazzkonzerte dar, sie greifen auch Themen des Jazz auf wie Rassendiskriminierung (Joe Overstreet, Strange Fruit, dazu der gleichnamige Song von Billie Holliday) oder versuchen die musikalischen Besonderheiten des Jazz künstlerisch umzusetzen (Piet Mondrian). Schon allein der vielen Jazzklassiker wegen von Louis Armstrong, Bessie Smith, Thelonius Monk oder Miles Davis lohnt sich der Ausstellungsbesuch. Allerdings konzentriert man sich durch den hohen musikalischen Anteil der Ausstellung ganz eindeutig weniger auf die Kunstwerke, als wenn man diese unmittelbar, also ohne Musik betrachten würde. Schlimm ist das nicht. Dass Kunst nie im luftleeren Raum entsteht, dass Geschichte, Politik, Darstellende Kunst, Musik und natürlich auch Literatur sich immer gegenseitig beeinflussen, und wie sehr sich auch die deutschen Künstler mit dem Jazz auseinandergesetzt haben, in dieser fabelhaften Ausstellung wird es sichtbar und hörbar.

http://www.kunstmuseum-stuttgart.de/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s