Gesehen. „Dirty Dishes“ und „Er ist wieder da“ in Stuttgart

Zwei Theaterstücke, sehr unterschiedlich, beide befassen sich mit aktuellen Themen, und beide sind sehr lustig und gleichzeitig bitterböse: „Dirty Dishes“ im Theaterhaus und „Er ist wieder da“ im Theater der Altstadt.

Dirty Dishes wird seit über zwanzig Jahren am Theaterhaus in Stuttgart gespielt. Zwanzig Jahre lang habe ich es geschafft, das Stück zu verpassen, und dann wurde es abgesetzt, aber zum Glück letztes Jahr „mit verjüngter Küchencrew“ wieder aufgenommen. Dirty Dishes spielt in der Küche eines (nicht besonders guten) Pizzarestaurants, in dem lauter Illegale beschäftigt sind: Eine Ukrainerin, ein Schwarzafrikaner, ein Bangladeshi… Sie haben ihre Pässe abgegeben und werden vom deutschen Besitzer Rudi bei einem lächerlichen Lohn ausgebeutet, verhöhnt und gequält. Das klingt jetzt tragisch, und ist es letztlich auch, aber die Show hat so viel (Galgen)humor, Tempo und blitzgescheite Dialoge, dass es enorm viel zu lachen gibt. Nicht nur Rudi lebt seinen Rassismus hemmungslos aus, auch die Angestellten untereinander schenken sich nichts. Das ist sehr, sehr böse, und kommt durch die Multikulti-Theatercrew des Theaterhauses extrem authentisch ‚rüber. Dazu kommen Jonglage-Einlagen, Musik und Percussion. Ein äußerst kurzweiliger Theaterabend, bei dem einem immer mal wieder das Lachen im Halse steckenbleibt. Eile gibt es hier keine, das Stück wird wegen seines großen Erfolgs sicher auch noch die nächsten zwanzig Jahre gespielt…

Das Lachen bleibt einem auch im Theater der Altstadt im Hals stecken, und hier ist Eile im Kartenbesorgen angesagt: Im Jahre 2012 landete Timur Vermes mit seinem Romanerstling „Er ist wieder da“ einen Riesenhit. Der Roman mit dem genialen Cover, das jeden sofort an Hitler denken lässt, wurde fürs Kino adaptiert. Nun hat sich das kleine, aber sehr feine Theater im Stuttgarter Westen an eine Adaptation fürs Theater gewagt. Das Stück lief ein paar Wochen, und alle Vorstellungen waren ausverkauft, aber weil es im Juni wieder aufgenommen wird, soll hier unbedingt darauf hingewiesen werden.

Die Story ist ebenso absurd wie originell: Adolf Hitler erwacht als echter Adolf Hitler im Jahr 2011 in Berlin wieder zum Leben. Das Theater der Altstadt hat das Stück noch ein bisschen weiter in unsere Gegenwart transportiert, näher heran an Pegida und AfD. Adolf Hitler ist gekleidet wie Adolf Hitler, er redet wie Adolf Hitler und er sieht aus wie Adolf Hitler. Aber niemand hält ihn für den echten Diktator, sondern für eine geniale Kopie. Hitler macht Karriere als Comedian. Er gerät in die Maschinerie des berechneten Fernseh-Erfolgs, und man weiß manchmal nicht, was zynischer ist, die Marketing-Maschine der Medien oder Hitler selber. Im ersten Teil gibt es da noch sehr viel zu lachen. Im zweiten Teil wird einem jedoch angst und bange, wenn Hitler, genial gespielt von Reinhold Weiser, der NPD klarmacht, dass sie nicht rassistisch genug ist, seiner Assistentin (hervorragend: Kira Thomas) erklärt, dass das eben historisch alles seine Richtigkeit hat, dass jemand aus ihrer Familie im KZ gestorben ist, und mit Renate Künast über mögliche Koalitionen spekuliert… Sehenswert!

http://www.theaterhaus.de
http://www.theater-der-altstadt.de (Wiederaufnahme 17.-25. Juni)

P.S. Am Samstag wurde im Radio eine Warnung ausgesprochen. Wegen des warmen Winters schwärmen jetzt unzählige Borkenkäfer aus, um ihre Eier in Bäume zu legen. Erst war ich mir nicht so sicher über die Handlungsanweisung, die sich hinter dieser Nachricht verbirgt, aber Warnungen sollte man ja ernst nehmen. Ich empfehle Ihnen deshalb, sollten Sie einen Borkenkäfer mit Eiern im Gepäck im Anflug auf einen Baum beobachten, dann werfen Sie sich der Umwelt zuliebe schützend vor den Baum.

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