Gesehen. The Lady in the Van. Gehört. Adele: 25.

Weil ich schon seit längerer Zeit nicht mehr gebloggt habe, kommt heute zur Entschädigung ein Doppelblog! Fangen wir mit dem Film an. Seit ein paar Tagen läuft im EM in Stuttgart der Film The Lady in the Van, der leider komplett am Publikum vorüberzugehen scheint – gerade mal sechs Leute waren außer mir im Kinosaal.

The Lady in the Van, also etwa Die Lady im Lieferwagen, erzählt die wahre Geschichte der Obdachlosen Mary Shepherd, die den Van, in dem sie lebte, jahrelang in der Einfahrt des englischen Schauspielers, Regisseurs und Schriftstellers Alan Bennett parkte. Der hat es in Deutschland nur kurze Zeit zu Bekanntheit gebracht, nämlich mit seinem Roman The uncommon reader, deutsch Die souveräne Leserin, in dem die Queen die Freuden des Bücherlesens so sehr schätzen lernt, dass sie abdankt (im Angesicht ihres 90. Geburtstages ein eher unwahrscheinliches Szenario). In seiner Heimat ist Bennett ein hoch geschätzter Intellektueller und mittlerweile auch schon 81 Jahre alt. Nun wurde seine autobiografische Geschichte mit Maggie Smith in der Hauptrolle, heute ebenfalls 81 Jahre alt, verfilmt. Miss Shepherd parkte Anfang der Siebziger Jahre ihren Van in Allan Bennetts Straße im Londoner Stadtteil Camden. Eines Tages muss sie wegen geänderter Parkregeln von der Straße und – zieht in Allan Bennetts Hauseinfahrt. Das ist als Übergangsregelung gedacht, tatsächlich werden 15 Jahre draus. Bennett schrieb das Drehbuch, gefilmt wurde tatsächlich in dem Haus, in dem er damals wohnte.

Dame Maggie Smith, die große alte Dame des Britischen Kinos, die trotz ihres hohen Alters bei Harry Potter und in der Serie Downton Abbey noch immer eine gute Figur macht, agiert hier in der Rolle ihres Lebens. Sie spielt diese alte, dreckige, verwahrloste Frau so intensiv und schonungslos, dass man geradezu riechen kann, wie sie stinkt. Nein, sympathisch ist einem diese Miss Shepherd nicht. Sie ist undankbar, extrem unfreundlich, hat einen religiösen Wahn, kackt in Allen Bennetts Einfahrt und stößt die scheinheiligen Wohltäter aus der guten Wohngegend, die ihr Kuchen oder Mäntel bringen, mit diebischem Vergnügen vor den Kopf. Damit entlarvt sie die scheinbaren Gutmenschen, die ja überhaupt nichts gegen Miss Shepherd haben, aber sie soll doch bitte nicht vor IHREM Haus parken. Nimby, Not in my back yard, nicht in meinem Hinterhof, und natürlich fällt einem gleich wieder die Flüchtlingsproblematik ein. Wir helfen euch ja gern, aber ihr seid uns schon viel zu nahegekommen, also seid doch bitte so gut und bleibt auf Lesbos und rückt uns nicht zu nah auf die Pelle, ihr dreckigen, notleidenden, traumatisierten Flüchtlinge. Soll die Türkei die Drecksarbeit machen.

Man kann nicht gerade behaupten, dass sich zwischen Miss Shepherd und Alan Bennett eine Freundschaft entwickelt. Es ist auch nicht so, dass der Schriftsteller als Wohltäter dasteht. Er duldet Miss Shepherd in seiner Einfahrt, weil er Mitgefühl mit ihr hat, aber es ist ein sehr britisches, distanziertes Mitgefühl, und mehr will er eigentlich nicht mit ihr zu tun haben, vor allem, wenn er mal wieder in ihre Kacke getreten ist, oder Miss Shepherd misstrauisch nachfragt, warum Bennett spätnachts Besuch von jungen Männern bekommt. Doch weder Miss Shepherd noch seine Umgebung lassen Bennett wirklich eine Wahl. Je zerbrechlicher sein Schützling wird, desto mehr muss er sich um sie kümmern. Miss Shepherd ist nicht blöd, sie weiß genau, dass Bennett sie auch als literarisches Material betrachtet, und tatsächlich wurde aus „The Lady in the Van“ eines der erfolgreichsten Bühnenstücke Bennetts – auch auf der Londoner Bühne spielte Maggie Smith Miss Shepherd.

So wird parallel auch die Frage thematisiert, inwieweit Schriftsteller eigentlich persönliche Erlebnisse literarisch ausbeuten dürfen. Eine Frage, die mir selber nur zu bekannt ist, weil man als Autorin (leider) automatisch jede Begegnung mit anderen Menschen daraufhin abscannt, ob man diese nicht in irgendeiner Form literarisch verwerten kann. Dass Allan Bennett deshalb auch als verdoppelte Person dargestellt wird, die mit sich selber spricht, und sich aufsplittet in eine agierende und eine schreibende Figur, ist meiner Meinung nach unnötig. Aber das ist nur eine Kleinigkeit. Letztlich geht es darum, dass diese Miss Shepherd trotz ihrer Peinlichkeit, ihres Drecks und ihrer Verwirrtheit eines bis ans Ende nicht verliert: ihre Selbstbestimmung und ihre Würde. Unbedingt anschauen!

And now to something completely different! Ich konnte den großen Hype um die britische Sängerin Adele und ihr Album „21“ nie so ganz nachvollziehen. Aber dann kam der James-Bond-Film „Skyfall“ und mit ihm der wohl beste Bond-Song aller Zeiten. Als das Album „25“ im Herbst erschien, ging das ebenfalls ziemlich an mir vorüber, zumal die Single „Hello“ mit einem extrem konventionellen Youtube-Video präsentiert wurde und als Song nicht unbedingt der große Knaller ist.

Nun aber höre ich seit Tagen das Album „25“ rauf und runter. Nicht alle Songs sind gut – der britische Guardian hat das Album insgesamt als extrem gefällig, aber unauffällig und wenig innovativ abgekanzelt – aber man muss sich halt auch mal die Mühe machen, diese Texte genau anzuhören. Und da hört man aus den Texten einer Frau, die gerade mal die Mitte zwanzig überschritten hat, und auch aus der Art, wie sie diese Texte singt, eine Abgeklärtheit und Melancholie, die eigentlich ihr Alter Lügen straft. Da ist zum Beispiel der Song „Million Years Ago“, der nahezu nie im Radio gespielt wird:

life was a party to be thrown, but that was a million years ago

When I walk around all the streets
where I grew up and found my feet
they can’t look me in the eye
it’s like they scared of me
I try to think of things to say, like a joke, a memory, but they don’t recognize me now, in the light of day.

Hier singt eine, die weiß, dass sie einen hohen Preis für ihre Berühmtheit bezahlt, eine Frau, die nirgendwo mehr unbemerkt auftauchen kann und normal behandelt wird, und man spürt ihren Schmerz darüber. Den Schmerz über die Vergänglichkeit des Ruhms, und auch des Lebens („When we were young“). Wie soll jemand, der mit Mitte zwanzig ein absoluter Welt-Super-Megastar ist, jemals wieder die Uhr zurückdrehen und ein „normales“ Leben führen? Nein, zu beneiden ist diese Adele nicht darum, dass sie mit diesem unglaublichen Talent gesegnet ist. Dabei will sie doch wahrscheinlich nur singen, so wie eine J.K.Rowling nach Harry Potter auch nur schreiben wollte, und dann wurde ihr Pseudonym aufgedeckt.

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