Quo vadis, Großbritannien? Nach dem tödlichen Attentat auf Joe Cox

Die Fotos von Joe Cox sind schwer auszuhalten. Die Labour-Abgeordnete, die vorgestern vor der Bücherei in Birstall in Yorkshire nach einer Bürgersprechstunde einem tödlichen Attentat zum Opfer fiel, lacht auf jedem Bild, das im Internet von ihr gezeigt wird, und es ist ein offenes, fröhliches, sehr unverfälscht wirkendes Lachen.

Anfang vierzig war sie, sie lebte auf einem Hausboot auf der Themse unweit der Houses of Parliament, und sie hinterlässt zwei kleine Kinder und ihren Mann. Der Mann hat einen herzzerreißenden Aufruf an die Medien geschickt, dass seine Frau unermüdlich für eine bessere Welt kämpfte, und sich nach ihrem Tod vor allem eines gewünscht hätte, nämlich zusammenzustehen gegen den Hass, der sie tötete.

Noch ist völlig unklar, wieso sich der Attentäter ausgerechnet sie aussuchte. Zeugen wollen gehört haben, dass der Mörder „Britain first“, schrie, bevor er sie auf der Straße niederstach, er war im Besitz von Literatur amerikanischer Nazis und hatte Anleitungen zum Bau von Waffen.

Sicher ist in jedem Fall, dass Joe Cox leidenschaftliche Europäerin war. Bevor sie Parlamentarierin wurde, leitete sie die europäische Zentrale von Oxfam. Sie engagierte sich für Frauenrechte und syrische Flüchtlinge, sie kritisierte die restriktive Flüchtlingspolitik Großbritanniens und hielt sie für zutiefst unmoralisch. Sie galt als große Nachwuchshoffnung der Labour-Party, als uneitel, engagiert und idealistisch. Während des Studiums in Cambridge hatte sie große Mühe, sich mit dem Establishment und der Arroganz der Reichen zu arrangieren. Ja, Jo Cox repräsentierte das weltoffene, tolerante Großbritannien, eben jenes Großbritannien, das im Moment das Referendum zum EU-Austritt zu verlieren droht, wenn die Meinungsumfragen stimmen.

Im Moment ruht die Kampagne wegen des Attentats. Davor hatte der schmutzige Kampf um „Yes“ oder „No“, der seit Wochen die öffentliche Debatte prägte, Dimensionen angenommen, die kaum mehr zu beschreiben sind. Es geht nicht mehr um Sachthemen, nur noch um Emotionen. Die Brexit-Befürworter machen die EU für alles verantwortlich, was in ihrem Land schiefläuft: Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel, das unsägliche Gesundheitssystem, die niedrigen Milchpreise, die Schere zwischen arm und reich, die in Großbritannien extrem auseinanderklafft. Die EU ist der böse Feind, der den Briten die Selbstbestimmung versagt. „Wir lassen uns nichts vorschreiben!“, so sagen viele Leute auf der Straße empört. Zurück zum British Empire, zurück zu den Zeiten, da Großbritannien die Weltmeere beherrschte, das scheint es zu sein, was sich viele Briten von ganzem Herzen wünschen. Als ob das Rad zurückgedreht werden könnte, als ob der Finanzplatz London ohne die EU existieren könnte, als ob in Großbritannien keine deutschen Autos verkauft oder französischer Wein getrunken würde. Am Erschreckendsten ist jedoch, dass das Thema Zuwanderer und Flüchtlinge zum zentralen Thema des drohenden Brexit geworden ist. Vor allem die polnischen Einwanderer werden als Sündenböcke herangezogen. Ein Freund sagte mir, die Stimmung im Land sei so extrem, dass er sich jetzt besser vorstellen könne, wie es 1933 zur Machtübernahme Hitlers gekommen sei. Schreckensszenarien werden an die Wand gemalt von Tausenden von Türken, die das Land in den nächsten Jahren überfluten werden, als sei die EU-Mitgliedschaft der Türkei schon längst beschlossene Sache. Die Presse arbeitet mit Lügen und Falschinformationen. Sie hat ein leichtes Spiel, weil es nahezu keine regionalen oder lokalen Zeitungen gibt, und Hetzblätter wie die „Sun“ das Meinungsbild prägen. Und leider haben die Vertreter des Brexit mit dem früheren Londoner Bürgermeister Boris Johnson und Nigel Farage, dem Chef der fremdenfeindlichen Partei Ukip, die charismatischeren Figuren. Boris Johnson hofft, dass David Cameron das Referendum verliert, zurücktreten muss und er dann in die Bresche springen kann.

Der kommende Donnerstag könnte ein schwarzer Donnerstag werden, ein schwarzer Tag für die Briten, und ein schwarzer Tag für die EU. Die Ergebnisse werden wohl erst am Freitagmorgen feststehen. Durch den Tod von Jo Cox scheint im Moment das politische Leben in Großbritannien stillzustehen, und alle politischen Lager sind still und geschockt. Man kann nur hoffen, dass dieses Innehalten noch den einen oder anderen zum Nachdenken bringt, so dass wir uns nicht als Nächstes der Frage stellen müssen: Quo vadis, Europa.

P.S.
Wer mehr wissen will, dem sei die wirklich gute Dokumentation in der ARTE-Mediathek empfohlen, Goodbye Britain?

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