Europa ist tot. Es lebe Europa!

Die noch relativ junge Bewegung „Pulse of Europe“ ist in Stuttgart angekommen. Und wie! Hunderte von Menschen demonstrierten am Sonntag für den europäischen Gedanken.

Am Anfang, am 26. Februar, waren es 250 Demonstranten. Gestern, bei der vierten Demo also, zählten die Veranstalter 1000 und die Polizei 600 Teilnehmer auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Da wehten blaue Europa-Fahnen in allen Größen. Die Stimmung, entspannt-fröhlich, erinnerte ein wenig an die Anfänge der Montagsdemos, und auch im Publikum gab es sichtbare Überschneidungen (der Techniker trug beispielsweise ein Parkschützer-Halstüchlein) – im Schnitt sehen die Pulse-of-Europe-Demonstranten jedoch vielleicht ein wenig schicker aus. „Pulse of Europe“ hat in Frankfurt angefangen, mittlerweile sind unzählige Städte in Deutschland dabei (http://pulseofeurope.eu/poe-staedte), in Baden-Württemberg außer Stuttgart beispielsweise Karlsruhe, Heidelberg, Baden-Baden und Tübingen. Allen Städten gemein ist, dass man sich jeden Sonntag um 14 Uhr trifft – in Stuttgart ab kommendem Sonntag auf dem Marktplatz.


Doch worum geht es nun eigentlich? „Pulse of Europe“ will der Europa-Skepsis, dem Populismus und der Spaltung etwas Positives entgegensetzen, den europäischen Gedanken wiederbeleben, für Frieden, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und die Weiterentwicklung Europas einstehen. Die rasant steigenden Teilnehmerzahlen beweisen, dass die Bewegung damit einen Nerv getroffen hat. „Pulse of Europe“ will für und nicht gegen etwas sein, und scheint damit ein tiefes Bedürfnis der Menschen anzusprechen, die trotz aller Rückschläge an ein gemeinsames Europa glauben und diesem Glauben auch öffentlich Ausdruck geben wollen, um dem Isolationismus etwas entgegenzusetzen. Und auch wenn die Stuttgarter fürs Demonstrieren ja quasi prädestiniert sind, so ist doch beeindruckend, wie viele junge Menschen zu dieser Demo kommen. Bei der offenen Mikrofon-Runde, wo jeder (nach Voranmeldung vor Ort) ein Statement zum Thema Europa abgeben kann, sind es gerade sie, die von ihrem Engagement bei proeuropäischen Organisationen berichten und damit jegliches Voruteil Lügen strafen, „die Jungen interessieren sich nicht für Politik.“

So erfahren die Zuhörer von den „Jungen Europäern“ (www.jef-bw.de) , von der Bewegung DEMO (www.demo-bewegt.de) und von der Initiative „Unsere Zukunft.“ Den Rednerinnen und Redner merkt man teilweise die Nervosität deutlich an, wie überhaupt die ganze Demo noch ein wenig unter mangelnder Routine leidet, nicht zuletzt bei der Technik, aber das kann ja noch kommen. Schließlich sind die Veranstalter keine Polit-Profis, sondern „normale Menschen“ wie Moderator Sven Rühle, die ihre Freizeit für „Pulse of Europe“ drangeben.

So atmet alles den Geist des Frischen und Unverbrauchten, auch wenn man sich gerade bei den freien Redebeiträgen wünschen würde, dass es eine zeitliche Begrenzung gibt. Man darf gespannt sein, ob das „Jeder-darf-mal“-Prinzip auf Dauer funktioniert. Das Stuttgarter Publikum jedenfalls ist geduldig. Und sichtlich bewegt, als eine junge Französin namens Celine die Geschichte ihres Großvaters erzählt, der in seiner Wäscherei in der französischen Provinz die Wäsche der Franzosen, der deutschen Besatzer, der amerikanischen Soldaten und schließlich der afrikanischen Migranten wäscht, selbst aber nie aus Frankreich herauskommt, während es für Celine ganz selbstverständlich ist, mit internationalen Kontakten, Reisen und Begegnungen aufzuwachsen und Europa als etwas Positives zu erleben. Belohnt wurde sie mit minutenlangem Applaus.

Ja, vielleicht haben wir über all den Schwierigkeiten die positiven Errungenschaften des gemeinsamen Europa vergessen. Genau daran will „Pulse of Europe“ erinnern und anknüpfen.

Zum Abschluss wird gemeinsam „Freude, schöner Götterfunken“ gesungen und es gibt einen endlos langen Menschenring rund um den Schlossplatz mit La Ola. Das ist sehr bewegend und ermutigend, und die Begeisterung für dieselbe Idee ist spürbar. Die Organisatoren fallen sich erleichtert in die Arme, die Demo war ein voller Erfolg. Von dieser Veranstaltung geht man fröhlich und optimistisch nach Hause. Es dürfen ruhig noch mehr Leute werden nächsten Sonntag auf dem Marktplatz!

http://www.pulseofuerope.eu
stuttgart@pulseofeurope.eu

Und hier noch eine nicht ganz ernstgemeinte Version von Beethovens „Ode an die Freude“, ausgerechnet aus dem Land des Brexit…


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