Gelesen: Adrian McKinty, Die verlorenen Schwestern

Der in Carrickfergus in Nordirland geborene Adrian McKinty gehört nicht gerade zu den Krimiautoren, die in Deutschland auf den Bestsellertischen der Buchhandlungen liegen. Das ist schade, denn McKinty schreibt spannende Thriller vor dem Hintergrund des in Vergessenheit geratenen Bürgerkrieges in Nordirland.

Das könnte sich ändern. Nordirland ist aufgrund des drohenden Brexit‘ wieder stärker in den Fokus gerückt. Für alle, die sich nicht mehr so genau erinnern, im sehr reduzierten Schnelldurchlauf: Großbritannien besteht aus Wales, Schottland und England. Das United Kingdom besteht aus diesen dreien plus Nordirland. Nordirland hat einen Sonderstatus und einen eigenen Prime Minister, Staatsoberhaupt ist auch hier die Queen. Nordirland teilt sich eine Insel mit der Republik Irland, die in der EU verbleiben wird. Seit Jahrhunderten kämpfen in Nordirland Protestanten (die gewissermaßen die Kolonialherren = Briten repräsentieren) gegen die irischen Katholiken. Von 1969 bis 1998 tobte in Nordirland ein entsetzlicher Bürgerkrieg (der auf Englisch euphemistisch „The troubles“ heißt), der 3500 Menschen, vor allem Zivilisten das Leben kostete. Die Terrororganisation IRA kämpfte mit Bomben und Attentaten gegen die britischen Besatzer, die wiederum friedlich demonstrierende Zivilisten am „Bloody Sunday“ in Derry erschossen. Das Karfreitagsabkommen von 1998 beendete den Krieg.

Als ich selbst vor zwei Jahren zehn Tage Urlaub in Nordirland machte, war ich begeistert von der Landschaft, dem hervorragenden Essen (Nordirland hat sich einen Ruf in der Gastro-Szene gemacht), der Musik in den Pubs und den freundlichen Menschen. Schlagbäume gab es keine, die Grenze zwischen Nordirland und der Republik war nicht mehr als solche zu erkennen. Man merkte den Grenzübertritt eigentlich nur daran, dass man auf der einen Seite mit Pfund und auf der anderen mit Euro bezahlte. Doch wenn jetzt der Brexit kommt, weiß keiner, wie die Grenze zwischen Nordirland und der Republik aussehen soll. Schließlich will Großbritannien den ungebremsten Fluss von Menschen und Waren unterbinden, und das wird nur mit Grenzkontrollen gehen, sonst könnte ja jeder auf eine Fähre auf die britische Insel steigen, und wo kämen wir da hin! Was aber tun mit den täglich etwa 23.000 Pendlern? Und mit den Ein- und Ausfuhren? Erschwerend hinzu kommt, dass Theresa May nach den Wahlen eine Koalition mit der erzkonservativen nordirischen DUP eingegangen ist, obwohl sich die britische Regierung in Nordirland eigentlich neutral verhalten soll. Die DUP ist gegen Abtreibung und Homosexualität, was angesichts der Tatsache, dass Nordirland seit kurzer Zeit mit Leo Varadkar einen schwulen Prime Minister indischer Abstammung hat, besonders absurd erscheint. Werden also die alten Konflikte in Nordirland wieder aufflammen? Die Katholiken in Nordirland stimmten mehrheitlich gegen den Brexit, während die Protestanten dafür waren. Viele Stimmen warnen davor, dass der Brexit den Friedensprozess in Nordirland gefährdet. Und damit kommen wir zurück zu Adrian McKinty.

„Die verlorenen Schwestern“, ein nicht ganz passender deutscher Titel (Englisch „In the morning I’ll be gone“) spielt in Nordirland im Jahre 1983, also mitten im Bürgerkrieg. Der Polizist Sean Duffy hat sich mit den falschen Leuten angelegt und seinen Job verloren. Doch der britische Geheimdienst MI5 bietet ihm einen Deal an: Wenn es ihm gelingt, den Topterroristen der IRA Dermot McCann dingfest zu machen, kriegt er seinen Job zurück. McCann ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, hat sich in Libyen bei Gaddafi ausbilden lassen und plant ein richtig großes Ding. Sean Duffy und er sind zusammen zur Schule gegangen. Die persönlichen Verbindungen nutzen Duffy zunächst wenig. Doch dann wird ihm überraschend ein zweiter Deal angeboten: McCanns Ex-Schwiegermutter Mary sucht den Mörder ihrer Tochter Lizzie, deren Tod als angeblicher Unfall in den Akten schlummert. Wenn Duffy den Mörder findet, verrät Mary ihm McCanns Aufenthaltsort. Duffy muss also erst einen klassischen Whodunnit-Fall lösen, um an McCann heranzukommen. Die Geschichte mit dem Mordfall entwickelt der Autor eher langsam, und sie erinnert an Agatha Christie – Lizzie wurde tot in einem von innen verschlossenen Pub gefunden und soll sich beim Sturz von einem Stuhl das Genick gebrochen haben. Dieser eher ruhige Teil des Romans gibt McKinty die Gelegenheit, seine Figuren sorgfältig zu entwickeln, und natürlich ist sein Ermittler Sean Duffy selbst einsam, aber sympathisch, er raucht und trinkt, und seine Exfreundin heiratet gerade einen anderen. Im fulminanten Finale laufen dann alle Fäden zusammen, mit allem, was ein guter Thriller braucht. Auch wenn Duffy offiziell gegen die IRA kämpft, spürt man doch stets sein Hin- und Hergerissensein zwischen den Fronten.

Der Roman ist erst 2014 erschienen, McKinty lebt schon seit Jahren nicht mehr in Nordirland. Aber es gelingt ihm, einen spannenden Plot mit politischen Hintergründen zu verbinden, die mehr als deutlich machen, wie extrem die „Troubles“ den Alltag der nordirischen Bevölkerung bestimmten. Das darf sich nie mehr wiederholen. Der Brexit und all seine unfassbaren Folgen, hätten sich dies alle „Brexiteers“ bloß vorher klargemacht, dann wäre das Referendum vielleicht anders verlaufen…

Hintergrundinfos zur aktuellen Situation in Nordirland liefert die ZEIT:

http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-05/nordirland-irland-brexit-eu-referendum-grenzen/seite-2

Und noch ein paar Fotos aus dem wunderschönen Nordirland!

Das Naturwunder Giant’s Causeway ist heute eine der Hauptattraktionen Nordirlands und wird im Roman erwähnt

Die „murals“ in Derry erinnern an die „Troubles“

Die Gärten von Mount Stewart zählen zu den zehn schönsten der Welt

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