Film. Frau Müller muss weg

Frau Müller unterrichtet an einer Grundschule in Dresden. Weil Frau Müller viel Erfahrung hat und fair ist, befürchten einige Eltern, ihre mäßig begabten Kinder könnten es mangels guter Noten nicht aufs Gymnasium schaffen. Da gibt’s nur eine Lösung: Frau Müller muss weg.

Eine Abordnung von Eltern macht sich also samstags auf den Weg, um Frau Müller eine Unterschriftenliste aller Eltern vor- und den Rücktritt nahezulegen. Allein, Frau Müller lässt sich nicht mobben. Sie rauscht aus dem Klassenzimmer, vergisst aber im Eifer des Gefechts ihre Handtasche. Frau Müller wird wiederkommen, da sind sich die fünf Eltern sicher. Also warten sie.

Was nun passiert, ist vorhersehbar: Mangels Frau Müller fangen die Eltern an, sich gegenseitig zu zerfleischen. Kaputte Beziehungen, falscher Ehrgeiz, Blindheit gegenüber den eigenen Kindern, Projektion der eigenen Wünsche und Hoffnungen auf den Nachwuchs – ziemlich kaputt sind sie, diese Eltern, und gleichzeitig erschreckend normal. Hier kommt niemand ungeschoren davon, nicht einmal der Hausmeister. Auch wenn die anderen kräftig nachhelfen, am meisten entlarven sich die Figuren in den messerscharfen Dialogen selbst. Das ist bitterböse, sehr, sehr komisch und wird mit viel Spielfreude umgesetzt (großartig: Anke Engelke als verbissene Karrierezicke).

Sönke Wortmann ist hier mit der Verfilmung des Theaterstücks von Lutz Hübner ein Zeitgeist-Film gelungen, der ähnlich wie sein großer Erfolg „Der bewegte Mann“ (1994) viel mehr ist als nur eine Komödie, sondern den Zustand unserer Gesellschaft auf einen Mikrokosmos eindampft. Helikopter-Eltern, Egoismus, Ellenbogen, Materialismus, das alles wirft kein gutes Bild auf unseren Ist-Zustand, kommt aber so federleicht daher, dass man sich mit großem Vergnügen darauf einlässt.

PS Ebenfalls sehr zu empfehlen: Die großartige Oskar-Schlemmer-Ausstellung „Visionen einer Neuen Welt“ noch bis 6. April in der Staatsgalerie Stuttgart. Peinlich nur, dass der Audioguide nur auf Deutsch verfügbar ist – trotz der Vielzahl ausländischer Gäste in Stuttgart. Obwohl man an der Kasse so ein Kärtle abgeben kann mit der Bitte um Feedback, habe ich bis heute zu diesem Thema keine Rückmeldung bekommen.

PPS Stugida, der angebliche Stuttgarter Arm von Pegida, war ein Fake. „Das Ziel dieser Seite war ein kleines Realexperiment, wie weit und absurd man mit PEGIDA gehen könnte, was für Menschen PEGIDA befürworten und was diese so schreiben. Es gab viel Diskussion, viel Hetze und zwischendurch einiges an Spaß“, schreiben die Macher auf ihrer Facebook-Seite. Einerseits beruhigend, dass Pegida bisher nicht namentlich in Stuttgart auftritt. Andererseits kann man sich streiten, wie produktiv solche Realexperimente sind.

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