Leipzig liest. Und wie!

Auf der Leipziger Buchmesse fühlt man sich wie auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt: Während man geschoben wird, versucht man einen Blick auf die Stände zu erhaschen. „Samstags ist schlimm“, kommentiert hinter uns ein Mann. „Donnerstags und freitags ist es viel besser.“ Dann merken wir uns das mal für die Zukunft.

186.000 Menschen haben die Messe dieses Jahr besucht, das ist ein neuer Rekord. Genauso erfolgreich war das dazugehörige Literaturfestival „Leipzig liest“, das die Literatur an 410 Leseorten in der Stadt verortet hat. Gesamtbilanz Messe plus Festival: 251.000 Gäste. Das macht Hoffnung. Eine ganze Stadt und unzählige Besucherinnen und Besucher auf Trab, um Bücher und Lesungen zu erjagen!

Nicht wenige davon sind zur Manga Convention angereist, und zwar verkleidet. Beim Rundgang über die Messe begegnen einem Feengestalten, Einhörner, Schmetterlinge und Krieger aller Arten. Gar nicht so einfach, nicht auf Drachenschwänze zu treten oder von einem Plastikhorn gepiekst zu werden. Interessanter fast als die Stände (wozu gibt es Buchhandlungen?) sind die zahlreichen Bühnen der Kulturredaktionen und Fernsehsender. Die ZEIT, 3sat, Deutsche Welle und ZDF reichen sich die Literaturstars weiter. Arno Geiger zum Beispiel, Herta Müller oder Peer Steinbrück, der über die selbstzufriedene Republik geschrieben hat. Es muss anstrengend sein, ständig die gleichen Fragen zu beantworten, in der hektischen, lauten Atmosphäre der überglasten Eingangshalle.

Thomas Brussig sitzt trotzdem entspannt auf dem weißen Sofa und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Brussig ist der von „Sonnenallee“. Sehr sympathisch stellt er seinen neuen Roman vor, in dem er sich ausgemalt hat, die DDR hätte nicht aufgehört zu existieren, sondern fortbestanden, und sein, also Brussigs Leben, wäre entsprechend anders verlaufen. Das klingt sehr lustig, klug und überhaupt nicht nostalgisch. Ein Buch, das auf die Leseliste kommt. Auch Peter Richter hat über die Wende geschrieben, 89/90 heißt sein autobiografischer Roman, der die Geschichte der Wende aus der Sicht eines Jugendlichen in Dresden erzählt.

Es bleibt nicht aus, dass das Thema ehemalige DDR und alles, was damit zusammenhängt, in Leipzig weitaus präsenter ist als in Frankfurt. Gruselig wird es dann, wenn die Lesung in der Gedenkstätte in der „Runden Ecke“ stattfindet, der ehemaligen Stasi-Zentrale in Leipzig. Das Interieur des Vortragssaals sieht noch so authentisch aus, dass es auch den Autor nicht kaltlässt, wie er bekennt. Dazu liest Christoph Brumme passenderweise noch eine Szene, die im DDR-Gefängnis spielt. Zeitgeschichte hautnah. In der Dauerausstellung des Museums, „Stasi – Macht und Banalität“ ist zu sehen, wie die Stasi schon Jugendliche rekrutierte, wie sie überwachte, Protokolle anfertigte, sich verkleidete und schließlich panisch versuchte, Akten zu vernichten, und auch wenn man das theoretisch alles weiß, so läuft’s einem doch eiskalt über den Rücken.

Gut, dass es unzählige wunderschöne Cafés gibt, um sich zu erholen. Neidisch könnte man werden! Leipzig hat eine uralte Tradition von Kaffeehäusern, auch dort finden viele Lesungen statt. Zum Beispiel im Café Riquet. Dort sprechen die chilenischen Autoren Rodrigo Díaz Cortez und Omar Saavedra Santis über ihre Romane, zweistimmig und zweisprachig. Die Kriminacht der Leipziger Volkszeitung, bei der aktuelle Bestseller vorgestellt werden, und zu der wir naiverweise hinmarschieren, ohne im Besitz von Karten zu sein, ist seit Monaten ausverkauft. Also landen wir stattdessen im soziokulturellen Zentrum naTo an der Karl-Liebknecht-Straße, der Leipziger Ausgehmeile. Dort liest der nigerianische Autor Chigozie Obioma aus „Der dunkle Fluss“, der deutsche Text wird von Christian Brückner gelesen, der sonoren Synchronstimme von Robert de Niro. Das naTo liegt nun nicht gerade im Zentrum, doch auch hier ist jeder freie Platz in dem kleinen Theater besetzt, die Leute drängeln sich auf den Treppen und am Eingang. Die Luft wird knapp. Obioma, der auf Zypern studiert hat und nun in den USA lebt, ist seit einer Woche auf Lesereise in Deutschland. Er strahlt ins Publikum und sagt, dass er noch in keinem Land so viele lesebegeisterte Menschen getroffen hat.

Goethe! Schiller! Lessing! Fontane! Büchner! Bei der literarischen Stadtführung haut uns die Stadtführerin die literarischen Größen nur so um die Ohren. Gibt’s eigentlich einen berühmten deutschen Dichter, der nicht in Leipzig war? Sie alle hätten ihre Freude dran gehabt, wenn sie gesehen hätten, welche Begeisterung das Buch auch im digitalen Zeitalter noch auszulösen vermag.

Neuerscheinungen zum Thema Wende und DDR:

Thomas Brussig: Das gibt’s in keinem Russenfilm
Peter Richter: 89/90
Christoph Brumme: Ein Gruß von Friedrich Nietzsche

P.S. Heute mal in eigener Sache: am Samstag erscheint meine erste Kolumne im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung. UND man kann schon Karten kaufen für die Buchpremiere von „Zur Sache, Schätzle“ am 7. Juli im Renitenz-Theater, mit Susanne Schempp (voc) und Bernhard Birk (piano)!

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