Wir wollen doch nur Flügel: Fest im Flüchtlingsheim

„We lost everything.“ Die Frau, die neben mir sitzt, stammt aus Aleppo in Syrien. Sie hat alles verloren. „Steht ihr Haus noch?“, frage ich sie. Sie schüttelt den Kopf. Aleppo, eine der ältesten Städte der Welt, berühmt für seine Moscheen und seinen Basar, 2006 zur „Kulturhauptstadt des Islam“ ernannt, existiert nicht mehr. Zusammengebombte Ruinen. Was sagt man zu jemandem, der alles verloren hat?

„I’m sorry.“ Sie zuckt mit den Schultern, lächelt hilflos. Ob sie es kalt findet in Stuttgart, frage ich sie, weil mir nichts anderes einfällt. Sie schüttelt den Kopf. Aleppo war kalt, denn schon lange vor der Flucht gab es dort nichts mehr zum Heizen.

Das Haus in der Böblinger Straße im Stuttgarter Süden sollte eigentlich eine Jugendherberge werden, doch der Eigentümer bot es der Stadt Stuttgart als Flüchtlingsunterkunft an. Ein Glücksfall. Erst im Spätsommer sind die ersten Menschen hier eingezogen, sie kommen aus Syrien, Eritrea, Somalia, Nigeria oder Bosnien. Ein Freundeskreis hat sich gebildet, und heute Abend sollen sich Flüchtlinge und Freundeskreis beim gemeinsamen Essen kennenlernen. Gekocht haben die Flüchtlinge, typische Gerichte aus ihrer Heimat. Sie sollen nicht immer das Gefühl haben müssen, diejenigen zu sein, die nur Almosen empfangen.

Vor dem Essen gibt es jedoch eine Begrüßung, die ins Arabische, Englische, Eritreische und Bosnische übersetzt wird. Der Raum ist knallvoll, viele stehen, ständig klingelt ein Handy, es ist laut. Einer der Übersetzer, er stammt aus Eritrea, bittet darum, seine Geschichte erzählen zu dürfen. Die Details dieser Geschichte tun hier nichts zur Sache. Es ist eine Geschichte voller Terror und Leid, die in Eritrea beginnt, durch die Wüste führt und an deren Ende ein Boot steht, das kein Boot ist. Immer wieder wiederholt der Mann eindringlich, „We want wings. We do not come for the money.“ Wir wollen doch nur frei sein, Flügel haben, unsere Meinung frei äußern dürfen, wir kommen nicht wegen des Geldes! Man sieht in seinen Augen, wie wichtig ihm das ist, dass man in Deutschland nicht glaubt, die Flüchtlinge kämen aus wirtschaftlichen Gründen. „Money is nothing“, Geld ist nichts. Als der Mann seine Geschichte beendet hat, haben viele Tränen in den Augen. Dann aber singen drei nigerianische Frauen ein Lied und alle klatschen mit und sind fröhlich. Eine andere Nigerianerin hat ein wunderhübsches Baby auf dem Arm, zwei Wochen ist es alt, der Kopf ist voller schwarzer Löckchen. Die Emotionen gehen ziemlich durcheinander an diesem Abend.

Die Stühle werden beiseitegeräumt und Grüppchen werden gebildet. Die Flüchtlinge sollen sagen, was sie sich wünschen. Die Wünsche werden auf großen Flipchart-Seiten aufgeschrieben. Manche Wünsche sind ganz einfach. „Ein Paar Winterschuhe Größe 41.“ Es gibt zwar eine Kleiderkammer, die überquillt, aber sie ist zu klein, um die Sachen richtig zu sortieren und aufzubewahren, und es fehlen Leute, die bei der Organisation und Verteilung helfen. Zwei Sozialarbeiterinnen betreuen das Haus, in dem 165 Menschen leben, aber sie sind auch noch für die Unterkunft in der Forststraße und damit für jeweils 136 Flüchtlinge zuständig. Die beiden tun, was sie nur können, das ist völlig offensichtlich, aber 136 Geschichten von Flucht und Vertreibung, das ist auch beim besten Willen ein Ding der Unmöglichkeit. So bleibt manches erstmal auf der Strecke. Die Männer wollen Fußball spielen. Eine große Gruppe junger Männer ist im Haus. Sie haben nichts zu tun, sie langweilen sich, und ja, sie lösen auch Befürchtungen in der Nachbarschaft aus, weshalb auch die Nachbarn zum Fest eingeladen worden sind, um die Ängste abzubauen. Auch die Frauen wünschen sich Sport, Aerobic zum Beispiel. Eine junge Somalierin würde gern ins Schwimmbad. Sie trägt ein langes Kleid und ein Kopftuch. Da hieße es wohl erst einmal, einen Burkini aufzutreiben. CD-Player hätten sie gern, sagen die Nigerianerinnen, damit sie Musik hören können. Deutsch lernen wollen sie alle, so schnell wie möglich, und die Stadt kennenlernen. Sie kleben ja fest im Haus, es fehlt an Abwechslung, Fahrkarten für die U-Bahn sind teuer.

Nun wird das Büffet eröffnet, eine große Tafel voller Leckereien. Injeera ist dabei, das eritreische Fladenbrot, Gemüse und Fleisch in verschiedenen Soßen, die Nigerianerinnen haben Yam zubereitet, und zum Nachtisch gibt es Milchreis und wunderbar klebriges Baklava. Die jungen eritreischen Männer warten, bis alle am Büffet waren. Erst dann stellen sie sich an, in einer Reihe hintereinander, als stünden sie an einem Fahrkartenschalter an, höflich und diszipliniert. Einige haben dem Vordermann die Hand auf die Schulter gelegt, und jedes Mal, wenn ein anderer Gast zum Büffet will, lassen sie ihm den Vortritt.

Ich schiebe das Fahrrad nach Hause. Das Fest war schön, trotzdem bin ich erschöpft und traurig von den vielen Geschichten. Eigentlich ist mir das alles zu viel. Die Wohnung ist warm und gemütlich und ich teile mir nicht das einzige Zimmer mit drei anderen Menschen, die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe. Ich muss nicht befürchten, dass Bomben auf mein Haus fallen oder jemand an die Tür klopft, der ein Maschinengewehr über der Schulter trägt. Es fällt schwer, das zusammenzubringen, auszuhalten, dass vor meiner Haustür, und überall in Stuttgart und anderswo, Menschen in Flüchtlingsheimen leben, die eine Geschichte haben, die sie sich nicht ausgesucht haben.

P.S.
Der Freundeskreis Flüchtlinge Stuttgart-Süd kann noch Unterstützung gebrauchen und trifft sich das nächste Mal am Donnerstag, 18. Dezember, 18 Uhr in der Böblinger Str. 18, 5. OG. Aber es gibt sicher auch in Ihrer Nähe ein Flüchtlingsheim und einen Freundeskreis.

Das Flüchtlingsheim freut sich über Weihnachtsgeschenke in Form von Mehrfahrtenkarten, die den Flüchtlingen mehr Mobilität ermöglichen. Einfach in den Briefkasten werfen!

P.P.S.
Absolut empfehlenswert: Der Kinofilm „Im Labyrinth des Schweigens.“ Auch darin geht es um Verfolgung und Terror: Der junge Staatsanwalt Johann Radmann stößt 1958 auf eine Mauer des Schweigens, der Ablehnung und der Verdrängung, als er beginnt, sich mit den Tätern und Opfern von Ausschwitz zu befassen. Ein Film über Traumatisierung, um Schuld und Sühne und darüber, dass es nicht immer so einfach ist, gut und böse zu unterscheiden.

3 Kommentare

  1. Liebe Elisabeth,

    danke für diese Geschichte. Wir haben zuhause zwei übrige Jugendfahrräder, die topp in Ordnung sind und die wir gerne Flüchtlingen überlassen würden. Meinst Du das hilft – oder ist das eher blöd und gibt Streit? Und wo würde man die am besten hin bringen?

    Viele Grüße Anette

  2. LIebe Elisabeth,

    ich finde Deinen Bericht sehr gelungen, du hast ohne einen Namen zu nennen sehr einfühlsam und realistisch die Situation bei dem Treffen in der Böblingerstr. geschildert. Vielen Dank dafür!
    Wir fordern die Mitglieder der Linken Stuttgart ebenso dazu auf Mehrfahrtenkarten für Flüchtlinge zu kaufen, die Aktion wird bis Mitte Februar laufen.
    Das wichtigste für die Flüchtlinge in Baden-Württemberg wäre im Moment wenigstens ein Winterabschiebestopp! Dadurch dass Winfried Kretschmann, unser grüner Ministerpräsident dem „Asylkompromiss“ zugestimmt hat, können Flüchtlinge aus Serbien, Mazedonien und Herzegowina jederzeit abgeschoben werden. Das betrifft 40-50 Flüchtlinge in der Böblingerstr.
    Vielleicht können wir Prominente finden für eine Pressekonferenz zu diesem Thema noch vor Weihnachten!

    Solidarische Grüße und vielen Dank für Deinen Beitrag von Barbara Rochlitzer

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