Film. Peter Weir: Der einzige Zeuge.

Ich gebe zu, dies ist keine brandaktuelle Filmkritik. Peter Weirs Film „Der einzige Zeuge“ stammt aus dem Jahr 1985. Ich habe ihn aber erst gestern gesehen. Und finde, dieser Film ist brandaktuell.

Der kleine Samuel Lapp wird auf einer Bahnhofstoilette zufällig Zeuge eines Mordes. Die Ermittlungen werden von dem ruppigen Polizisten John Book geführt (Harrison Ford, damals ziemlich gutaussehend). Samuel erkennt auf einem Polizistenfoto den Mörder: er kommt aus den eigenen Reihen. Nun sind Zeuge und Ermittler in Gefahr. Book wird angeschossen und schwer verletzt. Er taucht bei Samuels Familie unter. Samuel gehört zu den Amish, aus Deutschland ausgewanderte Mennoniten, die ein bäuerliches, streng religiöses Leben wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts führen. Sie verzichten auf Strom und Telefon und benutzen Pferdefuhrwerke anstelle von Autos.

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Gelesen. A.M. Homes, This book will save your life/Dieses Buch wird ihr Leben retten

Richard Novak heißt der Protagonist des Buchs mit dem anmaßenden Titel, und da er ein Mann ist, bin ich ganz automatisch davon ausgegangen, dass auch der Autor männlich ist. Stimmt aber nicht. Die amerikanische Autorin A.M. Homes versetzt sich sehr überzeugend hinein in die Psyche ihres mittelalterlichen Helden in der Identitätskrise. Richard lebt ein ziemlich einsames Leben in einer Villa oberhalb von L.A. Er hat einen Haufen Geld, eine Haushälterin, eine Fitnesstrainerin und eine Ernährungsberaterin. Das war’s. Doch dann kommt seine Villa ins Rutschen und sein Leben gleich mit dazu. Unerklärliche Schmerzen und Todesangst sind der Auslöser dafür, dass Richard plötzlich in eine Sinnkrise gerät, seltsame Menschen trifft und sich mit ihnen anfreundet, Heldentaten begeht und versucht, missglückte Beziehungen wie die zu seinem Sohn Ben zu kitten. Das alles in hohem Tempo und mit vielen schrägen Einzelepisoden. Vielleicht kein Buch für die Ewigkeit, aber auf jeden Fall ein Buch für die Midlife-Crisis, spannend, originell und noch dazu ein großer Lesespaß!

Unputdownable

Gelesen. Chris Cleave: Little Bee

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An einem Strand in Nigeria treffen das nigerianische Mädchen Little Bee und das Londoner Mittelstandspärchen Sarah und Andrew aufeinander. In Nigeria tobt der Kampf ums Öl. Little Bee ist auf der Flucht vor erbarmungslosen Jägern, die ihr Dorf niedergebrannt und ihre Familie getötet haben. Aus der zufälligen Begegnung entwickelt sich eine Katastrophe, die das Leben und das Schicksal von Sarah, Andrew und Little Bee verändern wird. Jahre später kommt Little Bee in England aus der Abschiebehaft in England und kündigt Andrew telefonisch ihren Besuch an. Kurz darauf bringt Andrew sich um. Die Geschichte von Sarah und Little Bee verschmilzt nun zu einer einzigen… Weiterlesen

Gelesen. Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Dieses Buch, das seit einiger Zeit in einer günstigen Taschenbuchausgabe vorliegt, hat mich bewegt und gefesselt wie schon lange kein Buch mehr. „Die hellen Tage“ ist Kindheitsgeschichte, Entwicklungsroman und Familienepos in einem. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft der Ich-Erzählerin Therese mit Aja, Tochter von Zirkusleuten, die mit ihrer Mutter Evi am Rand des fiktiven Dörfchens Kirchblüt lebt, irgendwo im Süddeutschen, nicht allzuweit von Heidelberg. Nur einmal im Jahr kommt Ajas Vater, der Trapezkünstler Zigi, auf Besuch zu seiner Familie. Zu den beiden Freundinnen gesellt sich schließlich ein drittes Kind, Karl. Die drei Kinder wachsen unzertrennlich auf, gehen schließlich gemeinsam nach Rom – und natürlich bringt die Liebe irgendwann das Dreieck aus dem Lot. Was über lange Strecken wirkt wie ein Heile-Welt-Roman endloser Sommer und Spiele, entwickelt sich immer mehr zu einer Geschichte der Brüche, Verletzungen und auch des Verrats. Zsuzsa Bánk erzählt von Freundschaft und Liebe, vom Erwachsenwerden, von Wunden, die geheilt werden, und Wunden, die offenbleiben. Dies alles in einer wunderbar eigenen, poetischen Sprache, die nahezu komplett ohne direkte Rede auskommt. Als Ferienlektüre absolut empfehlenswert, weil es gut ist, wenn man „dranbleiben“ kann.

Unputdownable

Gelesen. J.K. Rowling: Ein plötzlicher Todesfall.

Ich habe mich wirklich sehr auf diesen Roman gefreut, das Buch gleich nach Erscheinen (auf Englisch) gekauft und so ziemlich in einem Rutsch durchgelesen. Das bedeutet nicht, dass ich den Roman so toll fand, dass ich ihn nicht mehr weglegen konnte; es ist eher so, dass ich die Lektüre als ziemliche Quälerei empfunden habe… Weiterlesen

Ariadne ist depressiv

Letzten Samstag in der Stuttgarter Oper: Ariadne hängt ziemlich depressiv auf Naxos herum. Sie knutscht Knubbelhermes ab, der in einen blauen Samtvorhang gewickelt ist. Todessehnsucht. Laut Opernführer soll sie jetzt im Liebesglück mit Hermes die Lust am Leben wiederfinden. Doch warum schleicht Hermes sich mit Lorbeerkranz nach links von der Bühne? Dorthin ist doch auch Monte Zerbeline verschwunden! Ach, die heißt ja Zerbinetta.  Und hat schon alle Männer auf der Bühne verführt, und einem dabei leidgetan. Das wird nix, Ariadne. Wenigstens kannsch sänga, und Zerbeline auch. Ebenso die drei Nymphen, die tirilieren, dass es eine Wonne ist. Auch der Komponist, der eine Frau ist, singt zum Herzerweichen. Der taucht erst am Schluss auf, im Prolog, der hier am Ende steht, und seltsamerweise funktioniert das wunderbar. Wir halten fest: In dieser Oper sind die Frauen das starke Geschlecht. Zumindest stimmlich.